Robin Hood mit BAT II a (ost)
Es ist interessant, daß seit den Tagen meines Studiums die Leute, wenn sie von meiner Fächerkombination hören, mich fragen, ob und wie Philosophie und Betriebswirtschaftslehre zusammenpassen. Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage weder bei der ursprünglichen Auswahl der Fächer noch später ernsthaft selbst gestellt, und gleichlautende Erkundigungen von anderen kokett mit einem Ñgar nichtì beantwortet. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß Leute an soetwas wie einen ÑLebensplanì glauben oder daß wir es momentan einfach schick finden, alles zu Ñvernetzenì, Ñganzheitlichì und Ñinterdisziplinärì zu betrachten. Ich jedenfalls habe beide Pfade (man muß nur lange Beine haben) eingeschlagen, weil mich das eine, Philosophie, fasziniert hat und weil das andere, Betriebswirtschaftslehre, mein Erwachsenendasein finanzieren sollte. Ich schätze, diese beiden Grundmotive sind öfters im Leben unvereinbar, und so kam ich zu meiner Koketterie. Vielleicht - wahrscheinlich - wäre es bei dieser auch geblieben, wenn mich mein Berufsweg in die Industrie geführt hätte, da er mich aber an die Universität und zur Promotion im Fachgebiet Betriebswirtschaftslehre führte, wuchs schließlich zusammen, was nicht/oder doch zusammengehört. Unabdingbare Voraussetzung dafür war die akademische Freiheit, die mir erlaubte, mir im weitem Feld der Betriebswirtschaftslehre den Teil auszusuchen, der meinen philosophischen Neigungen am ehesten entgegenkam, nämlich die Organisationstheorie. Da wir momentan sowohl von staatlicher, als auch von Hochschulseite kräftig dabei sind, diese akademische Freiheit im Namen des Utilitarismus zu demontieren, ist es gut möglich, daß ich eine Vertreterin einer von jeher kleinen, aber nun aussterbenden Population bin... Also, schließlich doch: was hält meine beiden Fächer in meiner Arbeit zusammen? Die Philosophie - erlauben Sie mir, hier eine Lanze für das ÑOrchideenfachì zu brechen - liefert fast alles, was man als Basis braucht, um theoretische Wissenschaft betreiben zu können: Logik, theoretische Feinheit, abstrakte Manipulation, kritische Reflexion, ein ungeheuer großes Reservoir an Gedanken und Theorien. Die Betriebswirtschaftslehre liefert die Relevanz: kein Denkansatz spielt in unsere Gesellschaft eine zentrale Rolle, nichts wird als politisch relevanter empfunden als Wirtschaft. Man ist sozusagen Ñim Herzenì der westlichen Welt angelangt. Zudem hat Betriebswirtschaftslehre noch eine pragmatischen Funktion, die der Durchschlagung des Gordischen Knotens ähnelt: eine gute Theorie ist niemals zu Ende, niemals vollständig durchdacht, es gäbe noch dieses und jenes zu beachten... -aber politisch (wirtschaftlich) handeln heißt: jetzt etwas tun; wir haben nicht ewig Zeit.
Insofern kann, denke ich, aus beiden Fächern Neues gewonnen werden: nicht aus dem was sie gemeinsam haben, sondern aus dem, was sie trennt.
So hübsch und sinnvoll das in meinen Ohren klingen mag, muß ich doch zugeben, daß ich in meinem Arbeitsleben selten auf jemanden treffe, der diese Ideen teilt, Dies hat zum einen interdisziplinäre Gründe, etwa wenn in anderen Disziplinen geäußert wird, die Betriebswirtschaftslehre sei ohnehin keine Wissenschaft (d.h. sich mit ihr abzugeben, ist kontaminierend/korrumpierend) oder wenn aufgrund der Studentenzahl und Ressourcenzuteilung von Imperialismus gemunkelt wird. Zum anderen liegen die Gründe in der Betriebswirtschaftslehre selbst, denn ein nicht geringer Teil meiner Fachkollegen hat mit theoretischer Betrachtung und (gesellschafts-)kritischer Praxis in der Tat wenig bis überhaupt nichts am Hut. Die Praxisnähe, die der Disziplin der Betriebswirtschaftslehre die Töpfe füllt, ist zweifelsohne auch der Fluch der Wissenschaft Betriebswirtschaftslehre, zumindest sofern man davon ausgeht, daß Wissenschaft drei Funktionen - Erkenntnis, Gestaltung und Kritik - hat.
Schließlich gibt es bei der Umsetzung der Verbindung beider Fächer noch eine Barriere, die (vielleicht) kommunikativer Natur ist, nämlich die vielbeschworene Interdisziplinarität. Als Wort in Leitfäden und Universitätsprofilen gern gesehen, findet sie doch nach meiner Erfahrung kaum Anerkennung in der scientific community. Interdisziplinär arbeiten, heißt schlicht: es keinem recht machen. Salopp für meinen Fall formuliert: was ich sage, ist den Philosophen zu platt und den Betriebswirtschaftlern zu hoch. Das Wissen, das ich einbringe und produziere, ist immer hinsichtlich eines Teiles inkommunikabel, verletzt die Regeln des einen Sprachspieles im selben Moment, in dem es die des anderen erfüllt.Warum tue ich es trotzdem? Nun zu allererst weil es mir Spaß macht - ich weiß keinen anderen Grund, warum man Wissenschaft betreibt. (Natürlich kenne auch ich all die salbungsvollen Vorspänne, die erklären, daß man sich mit einem Problem befaßt, weil es Ñdringlichì und Ñrelevantì ist. In betriebswirtschaftlichen Artikeln kommen noch ÑDynamikì und ÑGlobalisierungì hinzu; das ist immer gut. Aber im Ernst: wenn wir Akademiker der Menschheit in erster Linie helfen wollen, wäre es wohl angebrachter, sich in den Dreck, Schweiß und Schlamm der Elendsgebiete dieser Welt zu begeben, statt einen klugen Artikel auf weißem Papier zu schreiben.) Zum zweiten weil es soviel Neues in diesem Schnittfeld zwischen Philosophie und Betriebswirtschaftslehre gibt, das darauf wartet, Ñentdecktì und thematisiert zu werden. Zum dritten weil es in meiner direkten Umgebung Leute gibt, die mich darin bestärken. Zum vierten weil ich trotz vieler guter Gründe dagegen glaube, daß Menschen Strukturen machen und nicht Strukturen Menschen. Und fünftens ist es klasse, Robin Hood mit BAT IIa (Ost) zu sein...
Noch ein Nachtrag zu erstens und der gesellschaftlichen Relevanz: meine Ironie richtet sich nicht gegen die Forderung/Überzeugung, daß Wissenschaft und ihre Lehre und Forschung gesellschaftlich Relevant sein müsse. Sie kann in meinen Augen gar nichts anderes sein. Insofern Lehre Bildung und Erziehung ist, insofern Wissenschaft gesellschaftliche Achtung und Autorität besitzt, insofern Forschung Steuergelder kostet usw., ist Wissenschaft politisch und normativ, ist Wissenschaft gesellschaftlich. Sie hat insofern auch eine Verantwortung, und diese Verantwortung - da folge ich dem humboldtschen Ideal - ist untrennbar mit der akademischen Freiheit verbunden. Wogegen ich mich jedoch wehre, sind diese kurzgriffigen und -fristigen Nutzenkalküle, denen sich die Wissenschaft neuerdings (wieder einmal) ausgesetzt sieht und denen gerade die Betriebswirtschaftslehre im disziplinären Wettbewerb um Ressourcen mit Freuden Tür und Tor öffnet. Die ÑErgebnisseì der Forschung, gemessen in Umsatzzahlen, Renditen, Output etc., die heute politisch so hochgespielt und hochgelobt werden, halten selten einer harten wissenschaftlichen Probe, noch seltener einem langfristigen Kalkül stand. Ich denke, wir hätten auch und gerade in der Betriebswirtschaftslehre Besseres zu tun, als das Topmangement diverser Firmen oder die Bundesregierung glücklich zu machen...
erschienen in revision 02 - november 1998