Gerhard Theewen - Verleger / Salonverlag, Köln

Wie gründet man einen Verlag?

 
Herr Theewen, wie gründet man einen Verlag?

Als ich 1976 mein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf begann, habe ich festgestellt das an der Akademie sehr viele für mich überraschende Dinge passierten, die über das was ich bis dahin an bildender Kunst kannte hinausgingen. Ich hatte die Idee, diese Eindrücke, die sich mir so erleuchtend oder erhellend boten auch anderen zugänglich zu machen. 

Sie haben mit dieser publizierenden Tätigkeit also sofort begonnen, ohne selbst künstlerisch zu arbeiten?

Nein, ich habe schon im traditionellen Sinne Kunst gemacht, also gezeichnet und bildhauerisch gearbeitet. 
Aber die meiste Zeit habe ich mich damit beschäftigt zu gucken, was die anderen machen und zum Ende des ersten Semester brachte ich dann die erste Nummer Salon heraus. Ich wollte einen Titel bei dem man nicht sofort an Kunst denkt und der so ein bißchen ungenau ist.

An wen hat sich die Zeitschrift..., das Magazin oder... Salon ... gerichtet?

...Magazin ist mir als Wort sehr recht, weil es das Magazinieren, das Ablegen, das Aufbewahren von Ideen, Bildideen beinhaltet. 
Ich habe den Salon auf 12 Nummern geplant - 12 Monate, 12 Apostel, das war mir eine sehr angenehme und überschaubare Zahl, die natürlich auch in Konkurrenz zu den anderen Künstlerpublikationen im Rheinischen Raum stand. Von diesen Künstlerpublikation sind immer ca. 4-10 Ausgaben erschienen, bevor sie wieder eingestellt wurden. die Zielgruppe war die Kunstöffentlichkeit. Durch meine Kontakte zu Walter König, war mir auch klar, daß Salon so gut sein muß, daß er dazu bereit wäre, es in seinem Laden zu verkaufen. Die erste Nummer war eine wilde Mischung: Mitstudenten, Künstler, kurz vor ihrem Abschluß - Walter Dahn und Hans Peter Adamski waren damals noch da -, aber eben auch Künstler, die  bereits in der Öffentlichkeit standen, Bernhard Johannes Blume... usw.  König gefiel diese erste Nummer sehr gut und aufgrund dieser positiven Resonanz habe ich mich direkt mit anderen Kunstbuchhandlungen in Verbindung gesetzt: In Hamburg, in Berlin, Wien,  Zürich, Basel. Die Akzeptanz war erstaunlicher weise sehr gut, so daß ich hoch motiviert war und im zweiten Halbjahr ë76 drei Nummern machte.

Puh, ...alles alleine?

Ja, vom Einladen der Künstler bis hin zu der Drucküberwachungen, dem Vertrieb, der Buchhaltung und dem Päckchen packen usw.  Es hatte begonnen mir mehr Freude zu machen, als die eigene Bildproduktion. Ich zeichnete zwar nebenher, aber in wesentlich geringerem Umfang. Im Nachhinein war die Arbeit an Salon kein Ersatz, sondern es war meine eigentliche künstlerische Arbeit.

Sie sind ja auch selbst immer in Salon vertreten gewesen.

Ja, aber es war schon eine Art Abnabelungsprozess. Auf der einen Seite wollte ich zeigen, das es mich als Künstler gibt, aber auf der anderen wollte ich zur Diskussion stellen, was aktuelle Kunstproduktion leisten kann und ob das überhaupt noch Sinn macht. Ab der 5. Nummer habe ich mich dann anderen Dingen zugewandt, wie zum Beispiel dem Sammeln von Alltagsgegenständen der 50er Jahre. Dieses sehr persönliche Revival sollte mir das Lebensgefühl einer Zeit zurückholen, an der ich nicht teilgenommen habe, weil ich zu klein war. Durch Hans-Peter Feldmann, der die Bildmotive für die Cover von Salon dahingehend zur Verfügung stellte wurde das Magazin in dieser Richtung immer uneindeutiger durch die Titelseiten unterstützt.

Hatte das wachsende Vertriebssystem die Funktion ein Netzwerk zu konstituieren? Man kann dies in der Idee nutzen möglichst viele Leute zu erreichen, oder als Strategie des gesehen Werdens. Ist Salon in diesem Sinne dialogisch angelegt gewesen? 

Das Stichwort Strategie, paßt mir sehr gut, denn meine Strategie war es mich über Salon selbst darzustellen undzwar einer möglichst breiten Öffentlichkeit, weshalb ich sehr stark an dem Vertriebsnetz gearbeitet habe. Ab der Nummer 3 gab es Vertriebspunkte in Paris, Toronto, New York und Mailand, ich war also damals sehr schnell im internationalen Kunstbuchhandel bekannt. Was den Rücklauf angeht, sah das so aus, daß Künstler mich ansprachen und nach einer Zusammenarbeit fragten oder ich unverlangt Beiträge zugeschickt bekam. In manchen dieser Beiträge war zu spüren, das die Idee von Salon verstanden wurde, das es ohne redaktionellen Teil um die Magazinierung von authentischen, künstlerischen Aussagen ging: Fotos, Zeichnungen oder Texte von Künstlern zu einer bestimmten Problematik, die in alphabetischer Reihenfolge abgedruckt wurden. Das ganze ist deshalb später als eine Art Archiv aufgefaßt worden, zumal dort viele Leute zu einer Zeit veröffentlicht haben, als sie noch keine Präsens im Markt hatten.

Haben Sie nicht später - auf die Nummer 12 zugehend - wieder intensiver als Künstler gearbeitet?

Ich habe mich von der verkäuflichen Produktion weitestgehend abgewandt, noch ein paar Pin-Up Fotos coloriert, weil es mir Spaß gemacht hat Dinge bunt zu machen, die Schwarz/Weiß vorliegen, aber mich hauptsächlich auf Performance beschränkt. Im Endeffekt das gemacht, was ich sowieso den ganzen Tag tat: Rock`n´Roll hören, in Kleidung der Fünfziger Jahre rum laufen, im Prinzip war mein ganzes Leben über fünf, sechs Jahre eine Performance. Das hat mir großen Spaß gemacht.
Als dann Anfang der achtziger Jahre das Fifties Revival kam, reichte es: Ich bin zum Friseur gegangen, hab mir meine Tolle abschneiden lassen, meine Kleidung in die Altkleider Sammlung getan und bin wieder in die Jetztzeit zurück gekehrt - das war ungefähr parallel zu meinem Abschied von Salon. 
1984 hörte ich Mit der Nummer 11 auf, denn die Beiträge, die kamen interessierten mich nicht mehr wirklich, sie waren zu strategisch Gedacht. Ich ergriff einen richtigen Brotberuf und habe fast acht Jahre als Kassierer bei einer Bank gearbeitet. Erst 1992 habe ich die 12. Nummer Salon als Retrospektiven Nummer gemacht, weil es mich gewurmt hat, das gesteckte Ziel der 12 Ausgaben nicht erreicht zu haben. 
Die Bank-Geschichte brachte ich dann auch zu einem Ende und stand plötzlich, ohne berufliche Verpflichtungen, ohne künstlerische Ambitionen, eigentlich mit Nichts da, außer dem Wunsch etwas zu machen, was mir Spaß macht. Es wurde mir sehr schnell klar, was mir Spaß macht, nämlich jenes, welches mit der Nummer 12 abgeschlossen war, undzwar nicht mehr als Magazin, sondern  als die nächst größere Einheit, als Verlag. In diesem Verlag, den ich dann natürlich Salonverlag genannt habe, versuche ich das zu verwirklichen, was in unserer Zeit auch notwendig ist: Künstler umfangreicher zu präsentieren. Nicht mehr der kleine Beitrag in dem Magazin, sondern ein Ausstellungskatalog oder ein Werkverzeichnis. Außerdem gebe ich, parallel zu dem Verlagsprogramm, zusammen mit Rainer Speck die kleine Reihe, Ñedition separeeì heraus und mache dort, das was ich in Salon gemacht habe: Künstler einladen und ihnen die Möglichkeit geben auf dreißig Seiten, das zu machen was sie wollen. 

Es gibt also eine enge Verwandtschaften zwischen Verlag und Magazin, wobei das Magazin doch eher als künstlerische Handlung oder Strategie begriffen werden mußte. Ist der Verlag Ihre Kunstproduktion auf anderem Niveau, oder hat sich Ihre Auffassung geändert? 

Ich kann das nicht eindeutig beantworten. Für mich ist die Aussage, das ich immer noch Künstler bin, weil es das einzige ist was ich neben schreiben lesen und rechnen gelernt habe, aber ich produziere keine eigene Arbeit mehr am ehesten zu vertreten.. Man könnte natürlich sagen, ich versuche mich, wie jeder Künstler auch, zu äußern; meine Sicht von Wirklichkeit oder künstlerische Auffassungen nach außen hin zu vertreten und habe für diese Formulierung den Verlag gegründet. Es entstehen aber keine Zeichnungen, keine Fotos...ich arbeite nicht mehr als Künstler, sondern betreibe den Verlag mit gewissen künstlerischen Hintergedanken, überlege Dinge aus einer künstlerischen Naivität heraus, wenn ich mich z.B. für eine Buchproduktion entscheide, denke ich zuerst darüber nach, ob ich es wirklich machen möchte. Das Denken, das zu tu, was man tun muß, ist geblieben, wird aber eben nicht begleitet durch eine künstlerische Produktion. 

Salon wurde wegen der interessanten Dinge die passierten gegründet, heißt daß das in den acht Jahren, die Sie in der Bank verbrachten sie nichts faszinieren konnte bzw. forderte?

Ich habe mich zwar auseinandergesetzt, aber relativ wenig gefunden, was mich so faszinierte, das ich in dem Feld hätte gerne arbeiten wollen. Ich habe Ausstellungen besucht, mich bei Walter König über neue Tendenzen informiert ... mir hat das genügt, es war nicht so als würde ich etwas vermissen.
Dieses dabei sein wollen ist eigentlich aus Überdruß entstanden: ich hatte keine Lust mehr in der Bank zu arbeiten. Das war für mich eine Phase, die lange genug gedauert hatte und in diesem Zusammenhang habe ich mir überlegt, was ich jetzt machen kann? Es gab dafür überhaupt keine Notwendigkeit, ich könnte heute noch bei der Bank hinter dem Schalter stehen.

Es gibt doch einen extremen Unterschied zwischen den Arbeitsweisen. Auf der einen Seite, die andauernde Selbstmotivation, die in die Selbsausbeutung mündet und auf der anderen Seite die Struktur, die durch den definierten Beginn und das definierte Ende, eben auch die Zeit definiert, die nicht zur Existenzsicherung genutzt werden muß und als Freizeit bezeichnet wird. War diese Struktur, die sich in der Bank auftat, nicht auch angenehm?

Ich fand das sehr angenehm, besonders den Ersten, denn da wußte ich genau wieviel Geld auf dem Konto sein wird, aber man gerät irgendwann in einen Trott. Wenn ich abends nach hause kam hatte ich nach einer gewissen Zeit zu nichts mehr Lust. Fernsehen gucken, vielleicht mal ins Kino gehen, dieser Trott ist nach hinten nicht weit auszudehnen. Da ich nie überfallen wurde, gab es auch keinen Risikoaspekt in meinem Job - ich wollte mehr Aktivität. Damals - naiv, wie ich war - hatte ich geglaubt man könnte soetwas wie Kunstbegeisterung in die Bank hineintragen, damit stieß ich allerdings auf größtes Unverständnis. 

Was muß man sich dieses Hineintragen vorstellen?

Ich hatte ein schriftliches Konzept eingereicht auf Grund dessen ich nach Frankfurt in die Zentrale eingeladen wurde. Dort stellte ich eine Idee vor, die sich mit Kunstfinanzierung und Kunst als Anlageform beschäftigt hat. Das ist eine bestimmte Beratungsform, in der die Banken Bilder kaufen von denen bestimmte Kundengruppen Anteile erwerben können - wie ein Aktienpacket. Man hat sich das geduldig angehört, aber meinte, daß dies nur etwas für Minderheiten sei. Auf der einen Seite hatte man damit natürlich recht, aber auf der anderen Seite, wäre die Minderheit, die dafür in Frage gekommen wäre sehr finanzkräftig gewesen, wodurch die Bank sicher einen großen Vorteil gehabt hätte. 

... ein Junge Wilde- Paket, bestehend aus diversen Bildern, als Spekulationsobjekt?

Damals ging die Meldung durch die Zeitung, das der Rentenfond der britischen Eisenbahn Kunst verkaufte, um wieder liquide zu werden. Insofern hat das auch eine Tradition, die Wertsteigerung von Kunst abzuwarten und sich im entscheidenden Moment davon wieder zu trennen, um von den flüssigen Mitteln wieder neue Kunst zu kaufen.. 

War das für Sie ein Spiel oder hätten Sie wirklich in Frankfurt diesen Kunstfond betreuen wollen?

Im Prinzip galt es zu erreichen, das man mich einlädt und nicht einfach nur einen Formbrief zurück schickt 
Ich hätte das gerne gemacht, es hätte sicher Spaß gemacht. Wie lange weiß ich nicht, vielleicht ist es auch zu frustrierend Kunst als Ware zu begreifen. 
Als Verleger arbeite ich heute unter der Prämisse, das mich das was ich tue auch reizen muß. Meine Strategie besteht darin eine Diskussion über die Qualität von Kunst in unserer Zeit anzuregen. Warum kenne ich diesen Künstler noch nicht, woran liegt das? Ich hätte nie gedacht, das einem die eigene Entdeckung etwas gibt, das man Stolz ist einen Künstler für sich entdeckt zu haben und andere darauf einsteigen. Es hat viel mit dem zu tun was Galerien auch versuchen, nur die sind Ortsgebunden. Die Galerien verschicken ihre Einladungen und die Leute müssen zu ihnen kommen, ich schicke meine Bücher zu den Leuten in ihre privaten Zusammenhänge oder zumindest in die Buchhandlungen; meine Bücher sind überall zu haben.

Die Beiträge für die edition separee sind immer Dinge, die nur für den Anlaß des Buches konzipiert sind?

Das was Sie dort abgedruckt sehen ist das Werk. Die edition separee erscheint immer als authentische Arbeit, die vom Künstler für diese Reihe konzipiert worden ist.
Das hat mit meiner eigenen Arbeit der 70er und 80er Jahre sehr viel zu tun, in der ich seit 1977 Bilder nur noch reproduzierte, d.h. keine eigenen Bildfindungen mehr hervorbrachte, sondern Bilder die ich in anderen Zusammenhängen oder bei anderen Künstlern gefunden habe, nachahmte. Es geht mir auch heute in der Hauptsache nicht darum Originale zu schaffen, sondern überhaupt etwas zu schaffen. 
Walter Grasskamp hat 1984 einen sehr schönen Artikel über meine Arbeit geschrieben und dabei den Begriff der Orginalreproduktion benutzt. Die Frage : Ist das nun die Reproduktion eines Originals oder wird die Reproduktion wieder zu einem Original? Das ist bei Büchern auch so, es ist kein Unikat, aber ist es ein Original, weil es das was der Künstler will authentisch wiedergibt. Wenn ich heute Künstler in die edition separee einlade, dann sind das Arbeiten, die ich so sehr schätze, das ich sie am liebsten nachahmen würde. Das Herausgeben in der edition separee ist als im Prinzip, doch wieder eine Arbeit von mir auf einer anderen Ebene.

Gerhard Theewen ist der Salon Verlag. Haben Sie nie daran gedacht mit anderen zusammen an diesen Dingen zu arbeiten, es gibt doch überall die Sehnsucht in Gruppen zu arbeiten?

Nein, habe ich nie gehabt. Die Zusammenarbeit mit Reiner Speck für die edition separee funktioniert auch nur deshalb, weil wir uns machen lassen, was wir wollen. Ich könnte mir nicht vorstellen mit einem gleichberechtigten Partner in Diskussionen zu verfallen, ob man dies oder jenes Buch macht oder nicht. Mein Programm ist mein Programm. Soetwas kann man nur alleine machen, wenn man irgend jemand Rechenschaft schuldig ist gibt es nur diese unendlichen Diskussionen, ob man sich dies oder jenes Buch leisten kann usw. Ich leiste mir es und wenn es nicht klappt, dann gibt es eben eine Woche Erbsensuppe ohne Würstchen. Diese Freiheit der Entscheidung möchte ich nicht missen.
Das kann ich natürlich nur machen, weil es Buchhandlungen wie König, Bücherbogen, Barbara Wien oder Sauter und Lackmann gibt, die für solche Produktionen offen sind. Es gibt vielleicht 30 Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum und das warís, das andere sind Publikumsbuchhandlungen, die im Prinzip an zeitgenössischer Kunst nicht interessiert sind. 

Fühlen Sie sich - wenn ich das etwas pathetisch, sagen darf - angekommen, ich meine in Ihrer Rolle als Verleger?

Zur Zeit auf jeden Fall, denn es gibt Erfolgserlebnisse. Mir werden bestimmte Bücher angeboten, man hat vertrauen das ich es auch am Markt vertreten kann usw. Außerdem macht es mir unwahrscheinlich Spaß mich auf die Suche nach Dingen zu begeben, die ich noch nicht gesehen habe und sie dann als Buch zu realisieren.
Ich mache jetzt das was ich machen will und kann auch noch - zwar nicht üppig - Geld verdienen, als kleiner Gewerbetreibender. Ich bin mit dem was ich tue, auch was die Anregung oder die Ablenkung betrifft, sehr zufrieden. Mir wird es auch nie zuviel, so daß ich mich davon davon entspannen müßte. Das ist ein Glücksfall, aber im Prinzip sollte jeder darauf hinarbeiten, das das was er tut ihm auch Befriedigung verschafft, egal wieviel man arbeitet oder wieviel Geld man damit verdient.

Ja, das ist doch sehr schön.

Findí ich auch.

erschienen in revision 02 - november 1998