Stefanie Marr - Kulturpädagogin / Künstlerin, Köln
 
 

Ästhetische Inszenierung oder reale weibliche Lebenspraxis

 
Ñ Über Emanzipation spricht man nicht, emanzipiert ist manì Christa Müller.

Den ersten Ratschlag von Christa Müller zu befolgen scheint taktisch klug, will man seine Leser nicht sofort dadurch verlieren, daß man, was bei diesem Thema nicht zu vermeiden wäre, sie zum wiederholten Male auf die Defizite bezüglich der Gleichstellung von Frauen in unserer Gesellschaft hinweisen müßte. Dies würde den Leser ermüden, genauso wie der Sprecher der Tatsache überdrüssig ist, daß ein Diskurs über Emanzipation für ihn ohne den Vorwurf, er wäre vereinfachend feministischen Verschwörungstheorien des Patriarchats auf den Leim gegangen, nicht möglich zu sein scheint. Über Emanzipation zu sprechen verspricht wenig Erfolg.

Auf den zweiten Ratschlag Christa Müllers näher einzugehen scheint hingegen erfolgversprechend, denn ëemanzipiertí zu sein, ist für die ëmoderne Frauí der 90iger Jahre fast schon eine Selbstverständlichkeit. Das Konzept der ëmodernen Frauí ist eine bürgerliche Konstruktion. Es bezieht sich auf die verheiratete, berufstätige Frau, die als gleichgestellt mit dem Mann angesehen wird. Da man eine emanzipierte Frau an ihrer Einstellung zu ihrer Berufstätigkeit und ihrem Verhältnis zu Männern erkennen kann, ist es notwendig, auf diese beiden Aspekte in Bezug auf die ëmoderne Frauí genauer einzugehen.

Berufstätigkeit stellt für die ëmoderne Frauí nur eine Station zwischen dem Verlassen des Elternhauses und der Eheschließung dar. Das heißt, daß die Berufstätigkeit für die ëmoderne Frauí kein Selbstzweck ist, in dem Sinne, daß sie kein Mittel darstellt zum eigenen sozialen Aufstieg und zur Konstruktion ihrer gesellschaftlichen Position. Berufstätigkeit als Feld in dem sie sich öffentlich herausfordert und profiliert ist nicht ihr Anliegen.
Eine gesellschaftliche Position wird von ihr angestrebt über die Ehe und nicht über die eigene berufliche Karriere. Dies ist möglich, da das traditionelle, weibliche Rollenmuster der Hausfrau, Gattin und Mutter noch immer als weibliches Lebensziel (trotz der hohen Frauenerwerbstätigkeit) gesellschaftlicher Konsens ist. Durch die Tatsache, daß die ëmoderne Frauí über den Mann und nicht durch Selbstbehauptung eine gesellschaftliche Position erlangt - ihre gesellschaftliche Existenz als Ehefrau, Mutter und Hausfrau ist lediglich auf ihren Gatten begründet -, rückt sie sofort in eine dem Mann untergeordnete Position. Die Vorstellung, daß die Frau gleichberechtigt als Partnerin mit dem man lebt, ist folglich nicht realisiert.

Wie kommt es nun, daß, obwohl wie oben dargelegt, die ëmoderne Frauí keineswegs als emanzipierte Frau bezeichnet werden kann, ihre Selbstwahrnehmung ihr diese Einsicht nicht vermittelt? Erklärt werden kann diese Einstellung dadurch, daß Emanzipation in unserer Gesellschaft mehr als eine Modeerscheinung, denn als ein praktischer Lebensentwurf betrachtet wird. Um als ëemanzipiertí zu gelten, reicht es aus, Zeichen und Attribute einer emanzipierten Frau in Form von Kleidung und Habitus zu signalisieren. So ist es für die ëmoderne Frauí möglich die weiblichen Funktionsrollen der traditionellen Familienform zu leben und sich dennoch als Typus der ëemanzipiertení Frau zu präsentieren und wohl auch selbst zu fühlen. Denn, wenn sich auch die emanzipatorischen Grundideen nicht mit dem traditionellen weiblichen Lebensentwurf vereinbaren lassen, so lassen sich die Zeichen und Attribute der emanzipierten Frau ohne weiteres in ihr Leben integrieren.

Das Verhalten der ëmodernen Frauí, prinzipiell das traditionell, weibliche Rollenmuster zu erfüllen und sich allein in der ëFreizeití als Typus der emanzipierten Frau zu geben, stellt - will man es positiv bewerten - für die ëmoderne Frauí die Möglichkeit dar, sich im Privaten mit den Konnotationen bestimmter Emanzipierter Zeichen überhaupt erst einmal vertraut zu machen, ohne, daß ihr Verhalten gleich zu negativen Bewertungen und Sanktionen führt.
Entwickelt die ëmoderne Frauí durch das Proben im Privaten ein größeres Selbstbewußtsein, daß sie dazu führt, auch öffentliche Räume und Ressourcen mit Selbstverständlichkeit für sich in Anspruch zu nehmen, dann sei dieses Verhalten gestattet, denn es ist ein Schritt auf dem Weg zu Emanzipation.

Das Verhalten der ëmodernen Frauí kann jedoch auch negativ bewertet werden. Denn die Tatsache, daß die ëmoderne Frauí einen emanzipierten Lebensentwurf zwar signalisiert, jedoch permanent inhaltlich hinter ihm zurückfällt, birgt die Gefahr, daß die emanzipatorischen Idee durch ihre oberflächliche Vereinsamung in ihrer Bedeutung entschärft werden. Sich ohne jede Verbindlichkeit nur mit den emanzipierten Zeichen zu schmücken, verflacht die eigentlichen Ziele der Emanzipationsbewegung und nimmt ihr ihre augenscheinliche Brisanz.

Nun ist der Leser bis hierhin meinen Gedanken gefolgt, so daß es mir nun möglich ist Christa Müller entschieden zu widersprechen. Meines Erachtens muß man solange über Emanzipation sprechen, bis nicht nur die Zeichen, sondern die emazipatorischen Ideen ein allgemein gesellschaftliches Phänomen darstellen, d.h. bis ëemanzipiert seiní eine Kongruenz von Erscheinung und innerer Haltung umfaßt.

Darüber hinaus ist ëSprechen über Emanzipationí an sich eine emanzipierte Handlung, denn das Benennen der eigenen Befindlichkeit in der Welt, setzt das Selbstverständnis der Frau für sich als Subjekt, fähig zur selbsttätigen Weltaneignung, voraus. Die Handlung sich selbst in Beziehung zur Welt zu setzen und diese mit eigenen Augen wahrzunehmen, überschreitet unumgänglich die traditionelle Frauenrolle, in der ihr, der Frau, nur der durch die Instanz Mann vorgegebene Weltbezug gestattet wird. Die Frau sprengt ihren gesellschaftlichen Rahmen jedoch noch hinsichtlich eines weiteren Aspektes: spricht sie öffentlich über Emanzipation, verletzt sie automatisch ein Tabu, namentlich die Konfrontation mit Männern in der Öffentlichkeit. Demzufolge setzt das Sprechen über Emanzipation ein hohes Maß an Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit der Frau voraus.

Die Aneignung von Sprache ist die Grundbedingung für einen gleichberechtigten Umgang der Geschlechter. Denn es ist nicht der Mangel an Eindrücken, der Frauen sprachlos sein läßt, sondern es liegt vielmehr an ihrem - zugeschriebenen und akzeptierten - gesellschaftlichen Status, der ihnen keinen Raum gibt eine Sprache für ihre Weltsichten zu entwickeln. Das Fehlen von Sprache für die eigenen weiblichen Erfahrungen ist also eine wichtige soziale Determinante, da daß Nichtvorhandensein von Sprache es ausschließt, daß die weiblichen Erfahrungen als allgemein menschliche mitgeteilt werden. Nur über die Mitteilung ist es möglich, daß die Frau sich einen gleichberechtigten, emanzipierten Standort neben dem Mann schafft. Gelänge dies, würde dies die Überwindung der traditionell restriktiven Definition des gesellschaftlichen Status der Frau bedeuten. Ein gleichberechtigter Dialog der Geschlechter könnte beginnen, wo über Emanzipation nicht gesprochen werden muß ( ! ), denn emanzipiert ist man.

erschienen in revision 01 - juni 1998