Globalisierung in der Tüte
Ñ...ist Autor, Künstler oder Ähnlichesì war mir gerade als Status zuerkannt worden, da mußte ich diesen Stand auch schon wieder aufgeben, um direkt an Geld zu kommen, sprich: einen Job machen. Berühmt werden wir zwar alle mal (allemal!) und werden in den großen Städten der Welt zu hohen Preisen gehandelt werden, aber leider erst später, das Geld aber fehlt jetzt.!
Um so verwunderlicher war es, daß mich die große Welt von - sing: New York, New York, Tokio ( or any other place you be...) am Ort einfacher Lohnarbeit einholte.
Ich bin als Schlauchveredler beschäftigt, genauer gesagt, als Gummischlauchveredler. Schlauchstücke mutieren durch meiner Hände geschickte Arbeit vom billigen Industriemassengut zu echten Originalersatzteilen. Dazu stecke ich sie einzeln, aber massenhaft in Klarsichttüten, die ich wiederum einzeln mit je einem sauberen Aufkleber verschließe. Dieser Veredlungsprozeß ist im weitesten Sinne im Projekt ÑÄsthetisierung der Lebensweltì beheimatet, also dem Artistischen artverwandt, ein Grund, warum mir die Arbeit auch soviel Freude bereitet.
Überraschend brach in diese Sphäre der gesicherten Werte eines Tages die ÑGlobalisierungì herein. Ganz beiläufig schlich sie sich am Nachbarpacktisch an.
Ich beobachtete meine Kollegin neben mir bei einem entlohnten Treiben, das ich ÑEntedelnì nennen möchte. Von den Tüten, die gewisse Ersatzteile umhüllen, entfernte sie die Selbstklebe-Label. Sie kehrte den Vorgang des Veredelns um und entedelte was vorher ÑOriginalì-Ersatzteile gewesen waren zu gewöhnlichem Industriegut.
Anschließend allerdings re-veredelte sie die einzelnen Teile wieder, indem sie die Tüte neu etikettierte. Zunächst wollte ich dieses Verfahren für einen wörtlichen, aber gewieften - von gewieften Managern angeordneten - Fall von Etikettenschwindel halten. Durch das Umrubbeln des Inhalts könnte dann via etikettiver Umbenennung etwas ganz Neues entstehen. Das Verfahren ist bekannt, aus einer einfachen Keramikkachel wird flugs ein ÑThermo-Untersetzerì - ...nimmt die Wärme des Topfes auf und gibt sie später an ihn zurück... -, später ( ! ).
Doch die Sache lag anders. Die neuen Etiketten waren den alten nämlich im Grunde gleichwertig. Beide bezeichneten den Inhalt der Tüte als ÑLagerschaleì und machten identische Angaben über den Hersteller und die Ersatzteilnummer. Auch trugen beide einen entsprechenden Strichcode.
Allerdings sind die neuen Etiketten wegen ihrer Mehrsprachigkeit und aufwendigeren Gestaltung höherwertig, vielleicht sind sie sogar mehr Corporate Identity. Ob sie deswegen Ñschönerì sind, mag Teil einer darüber zu führenden Ästhetikdebatte bleiben.
So sieht die ÑGlobalisierungì aus, schoß es mir durch den Kopf, selbst ein einfacher Schlauchveredler wird alle Sprachen der Welt verstehen können und sich mit anderen Menschen aus irgendwo, die vielleicht nicht mal selbst Schlauchveredler sein müßten, per Internet (wie sonst?) über die Vorzüge des Sauerstoffkohlefilters mit der Teilenummer 250 83 57 unterhalten können.
Eine große Vorstellung!
Ich unterbrach das Schlauchveredeln für einen Augenblick, ließ bezahlte Arbeitszeit ohne Gegenleistung meinerseits verstreichen und gab mich diesem Gedanken und seinen weitreichenden Folgen vollkommen hin. Voll des Entzückens betrachtete ich wieder und wieder die wunderbaren Etiketten, bis die Globalisierung plötzlich verschwunden war. Ich hatte mich täuschen lassen, tatsächlich hatte mich die altbekannte Europäisierung hier zum Narren gehalten, denn auf koreanisch oder phillipinisch steht ja rein gar nichts auf den Etiketten
erschienen in revision 01 - juni 1998