Neues ist nicht zu haben, aber es entsteht ständig
Überall umsteht uns Neues - aber wir machen die Türen nicht auf. Neues wird nicht gelesen, geschrieben, erdacht und dann populär gemacht. Neues wird zugelassen. Oder eben nicht. Und auch der Versuch, Neues durch das gebetsmühlenartige Herbeireden von ìInnovationenî erzwingen zu wollen, ist selbst eine Routine des Stillstands. Über vier Dinge will ich schreibend nachdenken, die wohl etwas mit Neuem und Altem zu tun haben: Erfahrenes, Visionäres, Fremdes, Anderes. (1) Erfahrenes bezeichnet jene Durchmischung von Gewußtem und Getanem in Geschichten, die uns erlaubt, im Heute einen Umgang mit dem Gestern für ein Morgen auszubilden.
Für einen Betriebswirt führt die Beschäftigung mit Kunst zu einer interessanten Einsicht: wirklich bedeutende Themen kennen keine Zeiten und Formen kehren in Modulationen als neue - zyklisch? - zurück. Innovationen fallen nicht vom Himmel, aber sie sind auch nicht Produkte eines genialen einzelnen Schöpfers. Natürlich ist die Idee des genialen Einzelnen eine sehr elegante Lösung des Problems: manche sind eben innovativ und andere nicht. Wer es nicht ist, muß warten, bis er an der Genialität des anderen über die Innovation teilhaben kann und darf. Aber was ist eine Innovation, die nicht gesehen wird? Sie ist nichts. Nicht nur ist sie nichts wert. Sie existiert schlicht nicht. Innovation, das Neue brauchen stets die soziale Attribution der Neuheit, um als besonders im stetigen Strom der Wiederholungen sichtbar zu werden. Die Bedeutung des Neuen ist die der sozialen Differenz. Also kann kein einzelner eine Innovation hervorbringen. Die Tröstung der ìGenialitätî als Quelle des Neuen geht uns verloren. Wenden wir uns der Qualität der Innovation als sozialer Differenz zu, so erkennen wir dennoch einen möglichen Zugang. Um die Differenz sehen zu können, brauchen wir eine Referenz, einen Maßstab, eine Möglichkeit zu unterscheiden. Neues im Heute wird als Neues sichtbar im Vergleich zu Erfahrungen der Vergangenheit und zu Erwartungen an die Zukunft. Auch Erwartungen formulieren wir in bezug auf Erfahrungen. Dies liegt vor allem an der Sprache, in der wir Erwartungen ausdrücken können. Es ist jene, die wir in der Vergangenheit erlernt haben. Neues wurzelt also seiner Wahrnehmung nach im Erfahrenen. Wir erzählen uns etwas über das Neue in der Form von Geschichten. Was ìneuî ist? Wir wissen es, wenn überhaupt, erst später.(2) Eine Vision ist eine Geschichte, die sich später als passend erweist.
Kiesler zum Beispiel. Eben widmet Wien ihm Aufmerksamkeit, eine Ausstellung bekommt einen Raum, verschafft sich Platz und An-Sehen: ìDas Archiv des Visionärsî. Kiesler ist lange tot. Weil wir individuell in der Lage sind, Bezüge herzustellen zwischen dem, was wir in heutiger Architektur zu erkennen glauben, und dem, was Kiesler dachte, sagte, schrieb, gilt er uns heute als Visionär. Eine Vision ist eine plausible Geschichte über eine mögliche Zukunft. Es ist wichtig solche Geschichten erzählen zu können und es ist auch wichtig, eine Reihe von verschiedenen Geschichten verfügbar zu haben. Neues kann über Geschichten in die Gegenwart hineingeholt werden. Wir erfahren über Visionen noch nichts über die Substanz einer Zukunft, aber doch bereits etwas über die Qualität der Erfahrungen, die wir als einzelne wahrscheinlich mit der Zukunft, in der Zukunft machen können und werden. Visionen sind im normalen Betrieb der Zeit Randerscheinungen. Wie leicht sagen wir schon von bekannten Möglichkeiten im Alltag, daß wir für sie keine Zeit haben. Wieviel schwerer muß es da sein, aus der Zeit herauszutreten, den Routinen einen freien Moment abzuringen und sich einer noch nicht realisierten Alternative zuzuwenden. Aus der Art dieser Beschreibung läßt sich ermessen, daß der Umgang mit Neuem Kraft und Zeit kostet. Im Umgang mit dem, was noch nicht ist, wird das, was alle anderen noch als existent wahrnehmen in Frage gestellt. Eine Vision ist also ein Spiel mit der Identität nicht nur derjenigen, die aus der Zeit heraustreten, sondern aller, die mit in der Zeit sind. Neues kommt von sozialen Rändern her und ist ein Spiel mit Zeit. Soziale Ränder sind als solche erst sichtbar, wenn das Neue seinerseits Teil des Normalen geworden ist. Soziale Ränder sind also Hilfskonstruktionen, die wir basteln, um mit der Frage des Ursprungs von Innovationen umgehen zu können. Die Güte einer Vision kann nicht in ìWahrheitî gemessen werden. Einerseits ist die Vision dann mächtig, wenn sie sich in bezug auf die Erfahrung vieler als anschlußfähig und plausibel erweist. Dann auch entwickelt sie Momentum, wenn sie mit der Erfahrung in einer für viele nachvollziehbaren und offensichtlichen Weise bricht. Schließlich ist die Vision nur eine mögliche Geschichte über Zukunft. Nicht weil sie nicht eingetreten ist, ist sie wertlos. Im Gegenteil. Auch als sich nicht realisierende Möglichkeit können wir durch Visionen etwas über Mögliches, Zukünftiges und Neues erfahren.(3) Das Fremde ist die in ein als äußerlich erlebtes Objekt gelegte Furcht vor dem Anderen. Oder auch: kein Fremdes ohne Eigenes.
Kiesler befremdet uns. Er bricht mit der Behaglichkeit des Bekannten gelebter Tradition. Fern dieser behaglichen trägen Heimat überkommt uns Angst. Vorwärts nicht zu können, weil es uns an Wissen oder Zuversicht, Sprache oder Selbstvertrauen mangelt, daß dieses Etwas uns tragen und ertragen möge. Zurück nicht zu können, aus der Einsicht, es in der Begegnung mit dem Fremden unwiederbringlich verloren zu haben. Das Fremde kommt im Umgang mit Neuem erst ins Spiel, wenn wir uns nicht in der Lage sehen, mit dem noch Unbekannten umgehen zu können. Das Fremde bezeichnet die Differenz zwischen dem Neuen, das wir als Entwicklung unserer Erfahrungen noch denken können, und dem Unbekannten, an dem wir nicht glauben teilnehmen zu können. Neues ist nicht. Neues wird gemacht. Oder eben nicht gemacht. Die Widerstände gegen Fremdes können sowohl im Gegenstand des Neuen als auch in der Herkunft des Neuen liegen. Der Aspekt der Herkunft ist nicht unbedingt auf Personen zu beziehen, sondern kann sich auch auf Nationen, Vermarkter von Produkten oder sogar Religionsgruppen beziehen, die als ìUrsprungî des Fremden betrachtet werden. Unabhängig davon, vor welchem Teil der Differenz des Neuen wir scheuen, nehmen wir uns die Zeit und den Raum, im Neuen eine vom Fremden verschiedene Erfahrung zu machen. In der Behauptung, das uns das Differente ìfremdî sei, verhindern wir Neues. Nicht vor, nicht zurück, gefangen in der Zeit. Was nun?(4) Anderes liegt zwischen Eigenem und Fremdem, denn sonst könnten wir es gar nicht wahrnehmen. Das Andere bietet uns Gelegenheit im Hier und Jetzt den Umgang mit jenen Grenzen zu erlernen, hinter denen uns Neues begegnet.
Kiesler wollte das Andere. Ein Bruch macht Platz für Anderes. Im Neuen das Andere erkennen zu können heißt, sich zu vergegenwärtigen, daß es immer mindestens eine Alternative zu dem gibt, was wir in der Vergangenheit gewählt haben. Während Fremdes uns diese Alternative als für uns nicht erreichbar vorhält, gehen wir im Anderen spielerisch mit der Differenz um. Das Andere muß sich ebenso wie Bekanntes oder Neues lesbar machen in der Sprache der Vergangenheit. Insofern ist es der Erfahrung und der Vision eng verwandt. Aber anderes als das abgeschlossen erzählbare Erfahrene und das tentativ beschwörbare Visionäre können wir dem Anderen in der Gegenwart bereits begegnen. Es wird uns vorgestellt als das Gegenwärtige eines anderen. Anderes muß Eigenem nicht ìüberlegenî sein. Es bezieht seine Berechtigung aus der Freude der Teilhabe dessen, der es pflegt, einmal ausdachte oder heute als seinem Eigenen damit umgeht. Oder es bezieht seine Berechtigung aus meiner Teilhabe, da ich lächeln kann über die bunte Vielfalt dessen, was auch noch da ist neben allem mir Bekannten.(5) Innovation zwischen Vergangenheiten und Zukünften - Hinweis für Künstler, Betriebswirte und andere Zeitgenossen
Der Drachen des Neuen läßt sich nicht einfach so reiten. Aber wir können doch einiges tun, um das Neue mitzugestalten. Vergangenheiten sollten wir nicht abschneiden. Vielmehr könnten wir prüfen, was aus der Differenz unserer Identität und Erfahrungen einerseits sowie Erwartungen an die Zukunft und unserer Entwicklung andererseits für den Umgang mit Altem und Neuem, Eigenem und Fremdem und schließlich dem Anderen zu lernen ist. Wir werden wohl entdecken, daß das Neue so voraussetzungslos neu nicht ist, es auch gar nicht sein kann, wenn es als Innovation soziale Gültigkeit erlangen können soll. Das Neue ist lange schon hier. Es ist lange schon existent. Gehen wir damit um. Mit einem Lächeln.erschienen in revision 01 - juni 1998