Doppelwandig und mit Schallschutz
Herr Korn, Sie sind Referent für ÖÖffentlichkeitsarbeit und Entsorgungslogistiker in einem Glasrecycling-Unternehmen. Aller Unmut der Bevölkerung über nicht eingehaltene Einwurfzeiten läuft bei Ihnen auf, haben Sie eigentlich noch Spaß an Ihrem Beruf? Nun ja, im großen und ganzen schon, aber es ist merkwürdig, welcher Enthusiasmus von Menschen an den Tag gelegt wird, um jemanden zu erreichen, der in ihren Augen so etwas wie Verantwortung trägt. Wir haben bereits darauf reagiert, indem wir eine gebührenfreie Nummer eingerichtet haben, an der ein Anrufbeantworter das meiste an Aufregung abfangen sollte, aber kaum jemand gibt sich damit zufrieden. Es kommt sogar vor, daß sich Menschen die Mühe machen, Privatnummern unserer Mitarbeiter herauszusuchen, um sie Sonntag morgens zu beschimpfen. Es liegt wirklich nicht in unserer Verantwortung, wenn Flaschen nach 19 Uhr in nicht isolierte Container geworfen werden. Daß manchmal die Abfuhr der vollen Container ein wenig aus dem Rhythmus gerät, dies ist allerdings etwas, an dem ich arbeite. Die unterschiedliche Befahrbarkeit der Aufstellungsorte sowie die schlecht einzuschätzende Bedarfsregelmäßigkeit sind Faktoren, die sich in der Planung als Unbekannte darstellen. In einer Wohnsiedlung können zwei Geburtstage, eine Hochzeit und ein Falschparker jedes noch so gute Abfuhrkonzept über den Haufen werfen.
Sie sagten eben etwas von isolierten Containern, wie muß man sich so etwas vorstellen?
Die Anwohner haben im Gegensatz zu allem, was man in den Nachrichten hört, eine unglaubliche Macht; dies vorweg. Die Anrufe und Beschwerden von Anwohnern haben dazu geführt, daß fast monatlich neue Bestimmungen zur Lärm- und Schmutzvermeidung zu befürchten sind, so daß die zentralen Hersteller von Recycling-Containern eine Forschungsabteilung besitzen, in der über Schallisolierung, elektronische Meldesysteme, die anzeigen, wann der Container voraussichtlich voll sein wird usw., nachgedacht wird. Der Wertstoff-Iglu hat damals einen Preis für vorbildliches Design erhalten, hat aber leider in der Praxis zu Problemen geführt: Der Iglu hat zwar ein größeres Volumen, ist aber schlechter abzutransportieren als zum Beispiel der Combi-Misch-Container, der sich in unterschiedlichen Farben und Design heute fast in jeder Stadt durchgesetzt hat. Mich hat die Form allerdings nicht überzeugt; der Iglu paßt einfach in die urbane Struktur.
Aber zu Ihrer Frage, isoliert meint, daß die Container doppelwandig mit einem Schallschutz gebaut werden, einen verlängerten Einwurfstutzen oder eine Bremsvorrichtung für das Flaschengut haben. Die Container werden dementsprechend immer aufwendiger und teurer. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man diese High-Tech-Formen nach Sylvester abgefackelt oder explodiert wieder einsammeln muß. Nebenbei ist der hohe Entwicklungsaufwand, genauso wie die hohe Frequenz der Beschädigungen der Container, dafür verantwortlich, das Glasrecycling diese hohen Kosten aufweist. Wobei man natürlich sehen muß, daß die Kosten bei uns liegen und nicht, wie zum Beispiel in Berlin, auf die Mietnebenkosten umgelegt werden. Dort gibt es die unterschiedlichen Sammeltonnen speziell für jeden Haushalt, d.h., neben den Hausmülltonnen stehen 200 Liter-Container für Glas etc. Auf der einen Seite zwingt die räumliche Situation in Berlin zu solchen Konzepten, auf der anderen Seite versucht man aber auch, so die Eigenverantwortlichkeit der Nutzer im Bezug auf Lärmschutz und richtige Nutzung zu erreichen. Aber natürlich ist hierbei die Abfuhr viel personalintensiver und langwieriger, was sich auf die Kosten für den einzelnen Mieter niederschlägt. Ich habe mir sagen lassen, das gerade in Berlin die Nebenkosten in Einzelfällen schon bei 30% der Mietkosten liegen - die Müllabgaben spielen dabei sicher nicht die geringste Rolle.In der Broschüre, die Sie mir gegeben haben, findet man eine Abbildung, auf der man sieht, wie vier Hände aus einem Berg von Glas Fremdstoffe und Deckel heraussortieren. Ist Glasrecycling wirklich so mühselig?
Im großen und ganzen, ja. Fremdstoffe müssen aus dem Glas heraussortiert werden, um im Anschluß zumindest eine annehmbare Glasqualität zu erreichen. Die Farbreinheit hat dabei die höchste Priorität. Weißglas verträgt praktisch keine Fehlfarben, weder grün noch braun. Braunglas verträgt zwar geringe Beimengungen andersfarbiger Scherben, doch darf der Fehlfarbanteil die 8%-Marke nicht Überschreiten. Lediglich grünes Glas verträgt bis zu 15% Fehlfarben. Wir müssen also sehr darauf achten, möglichst viele Fremdstoffe zu entfernen. Zum Teil geschieht dies manuell, aber es gibt auch Maschinen, die eine Sortierung vornehmen. Die schon erwähnten Forschungsabteilungen arbeiten an computergesteuerten Sortierungssystemen. Sie haben aber recht, Glasrecycling ist mühselig, und manchmal hat man wirklich Mitleid mit den Sortierern, denn es wird nicht nur Hausmüll in den Containern entsorgt, es kommt auch vor, daß man tote Katzen oder Hunde vom Band ziehen muß.
Glasrecycling ist das mit Abstand effektivste Rohstoffwiederverwertungssystem, als Beispiel: Heute sind 90% der grünen und 50% der weißen und braunen Flaschen aus Altglas hergestellt, aber es ist eben auch so, daß nur dann eine Steigerung erreicht werden kann, wenn die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber Rohstoffen ein verantwortliches Handeln produziert. Wie Sie merken, eine der Hauptaufgaben des Entsorgungslogistikers ist die Vermittlung, und man kann eigentlich immer nur auf die Eigenverantwortung hinweisen.Das hört sich fast so an, als wären Sie ein Idealist ...
So ein bißchen schon. Natürlich verdiene ich hiermit mein Geld, und das hat auch den Ausschlag gegeben, hier zu arbeiten, aber es ist sehr angenehm, in einem Bereich zu arbeiten, den man vertreten kann, auch wenn sich gelegentlich meine Frau beschwert, weil ich zuviel arbeite. Ich verstricke mich schon häufig in Gespräche, in denen ich die Meinung widerlegen muß, das ganze Glas würde sowieso wieder zusammengeworfen und das würde doch alles nichts bringen. Ich bin engagierter, weil ich an den Sinn meiner Arbeit glaube und etwas für die Allgemeinheit tue. Man ist dann einfach auch schneller dabei, sich aufzuregen, weit über den Feierabend hinaus ...
Wie kommt es eigentlich zu den Farben der Container?
Beim Glasrecycling war es anfangs nur logisch, die Farben Grün, Braun und Weiß zu wählen, da sie den zu trennenden Glasfarben entsprachen. Die Farben der Papier- und anderer Container wurden dann entsprechend ausgewählt und waren zunächst den Geschmäckern der Hersteller unterworfen. Es gab rote, blaue, orange usw. Container, was ich persönlich sehr schon fand. Nachdem allerdings der öffentliche Druck immer größer wurde, entschieden die Kommunen über die Farbigkeit und versuchten in der Hauptsache eine Farbe auszuwählen, die nicht so auffällt. Ich bitte Sie, ich habe vielleicht keine Ahnung, aber einen 3,5 cbm Container versteckt man nicht durch eine langweilige Farbe. Wennschon - wennschon, mir waren die Anordnungen in unterschiedlich leuchtenden Farben immer sehr recht, aber vielleicht ist man da auch betriebsblind ...
D.h., daß die Bevölkerung durch die Beschwerden über die Lautstärke etc. erreicht hat, daß nach und nach die farbintensiven Container aus dem Stadtraum verschwinden?
Ja, genauso ist es. Sie sind doch Künstler, oder?
Ja...
Was mich nämlich so erstaunt, ist, daß besonders die SäSdte mit aufwendiger Kunst im öffentlichen Raum - wie es immer heißt - darauf bedacht sind, die Container unauffällig zu halten. Der Iglu hat, wie gesagt, einen Preis gewonnen, und da saßen sicher kompetentere als ich in der Jury, also was spricht dagegen, Recycling auch durch eine schöne Farbigkeit in die ÖÖffentlichkeit zu bringen. Die logistischen Probleme sind in den Griff zu bekommen, und für uns wäre es gut, wenn auch die Bevölkerung merkt, daß ihre Kommune offensiv zu den Konzepten der Rohstoffverwerter steht. Ich glaube nicht, daß die Anerkennung steigt, wenn man weiter versucht, alles zu verstecken. Wir haben eine so schlechte Presse, daß mir manchmal der Kragen platzt.
Recycling ist doch wirklich etwas für die Gesellschaft, was man über Reiterstandbilder nur selten sagen kann.Sehen Sie die Plazierung der Container als einen Teil Ihrer Arbeit?
Auf jeden Fall! Die Orte werden uns von der Stadt vorgeschlagen, und wir fahren dann dorthin, um zu sehen, ob eine Plazierung realistisch ist. Zum einen geht es darum, wie der Platz mit einem großen Kranwagen zu erreichen ist, zum anderen gibt auch die Frage den Ausschlag, ob die Container an diesen Ort passen. Mir ist das persönlich sehr wichtig, daß sich die Container in die Stadt einpassen, daß sie einen guten Ort haben. Manchmal schlage ich deshalb auch selbst Orte vor, die ich bei meinen Fahrten durch die Stadt entdecke und an denen ich mir eine Plazierung gut vorstellen kann.
Haben Sie persönlich Vorstellungen, wie die Containerzukunft aussehen könnte?
Ideen hat man natürlich viele, wenn man den ganzen Tag damit zu tun hat, aber ob das so realistisch ist ...? Zum Beispiel frage ich mich, ob man die Oberfläche der Container nicht vielschichtiger nutzen könnte, um sie damit rentabler zu machen und sich anderes zu sparen. Die Container haben eine große freie Fläche, die man für Werbung nutzen könnte. Schon jetzt werden die Container ja im Prinzip von Jugendlichen als Werbefläche benutzt, weil sie die immer wieder mit irgendwelchen Zeichen besprühen. Alle Litfaßsäulen werden durch die Werbefläche Container ersetzt oder man beauftragt Leute, die die Container gestalten, so daß Recycling immer wieder anders wahrzunehmen ist. Aber zur Zeit ist das noch nicht zu machen, viele Politiker der Kommunen versuchen, sich heute noch kleine Denkmäler zu schaffen, indem sie Farbvorschläge machen oder bestimmte Container-Typen in der Stadt durchsetzen. Da ist wenig Platz für Ideen.
Was halten Sie denn davon, wenn die Container andauernd besprüht werden?
Manchmal finde ich das ganz gut, aber wenn Hakenkreuze oder so etwas drauf sind, bin ich meist sehr ärgerlich. Häufig ist das ja auch nur Schmiererei, und dann ärgert man sich, weil ein Container an sich ja sehr schön aussehen kann.
Wie finden Sie, daß der Iglu-Wertstoffcontainer in einer Ausstellung als Kunst zu sehen ist?
Mir gefällt das, wobei ich aber nicht genau weiß, was es soll. Mir ist alles recht, damit wir ein wenig aus den schlechten Schlagzeilen herauskommen, und außerdem habe ich vorhin ja schon gesagt: bei dem, was heute alles so Kunst ist, sind die Container es schon lange
erschienen in revision 02 - november 1998