Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft
Herr Clement, können Sie schildern, was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, die Kunst mit ihren gewohnten Mechanismen zu verlassen und vorübergehend als Unternehmensberater zu arbeiten? Es lag damals einfach in der Luft. Allerorts befasste man sich mit der Frage, wie es möglich sei, ein neues bzw. anderes Verhältnis zur Wirtschaft, zur Gesellschaft und letztendlich auch zu sich selbst zu entwickeln. Als Antwort auf die starke Vereinnahmung von künstlerischem Handeln seitens der Werbung oder der Wirtschaft wurde es Üblich, sich als Künstler dadurch zu wehren, dass man kommerzielle, manipulierende Strategien wieder zurückholte und sie für die Kunst vereinnahmte. Eine absolut absurde Situation war das: Die sog. gesellschaftliche Macht bestahl die Kunst, und die nächste Generation Künstler und Künstlerinnen bestahl wiederum die Mächtigen, ohne zu wissen, dass sie sich im Prinzip nur wieder etwas zurückeroberten. Die Kunst machte sich wieder zu einem Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft, indem sie die stagnierenden Formen künstlerischen Ursprungs zurückholte, weiterentwickelte und veröffentlichte, so dass man sich allerorts wieder bedienen konnte. Es ist doch sehr merkwürdig, wie gewisse Bedingungen die ach so aufgeklärten Künstlerseelen zurückbrachten zu der monarchischen Idee des Künstlers als Hofnarr, der sich redlich müht, aber doch im goldenen Käfig staatstragend wird.
Sie müssen sich vorstellen, dass aus einer Unabhängigkeitsideologie heraus eine Form der offensiven Selbstausbeutung entstand, die wiederum allen Ideen der Mittelverknappung entsprach. Als Beispiel: Eine Ausstellung sollte durch Mittel der Wirtschaft und der Kulturbehörde gefördert werden. Nun gab es aber unter den ausstellenden Künstlern und Künstlerinnen die Idee, wenn man das Geld nehmen würde, wäre man auch abhängig, und deshalb lehnte man das Geld ab. Dies führte dazu, dass alle Teilnehmenden ein Startgeld zahlen mußten und man eine wunderbare Ausstellung mit Vorträgen und allem Drum und Dran selbst aus eigenen Mitteln finanzierte. Stolz präsentierte man anschliessend sogar einen Katalog, in dem man darauf hinwies, wie viele an dem Projekt idealistisch teilnahmen; selbst der Hausmeister hatte unentgeltlich grosse Hilfe geleistet .... Herzlichen Glückwunsch. Man leistete damit doch nur jenem Vorschub, der die Meinung vertrat, Kunst müsse aus der Verknappung der Mittel heraus etwas leisten. Man bebilderte die romantische Vorstellung des Künstlers, der frei und arm in seiner Ein-Raum-Wohnung das Leid der Welt formulieren kann, weil er es selber erlebt. Welcher denkende Mensch kommt dabei nicht auf die Idee, die Mittel weiter knapp zu halten, wenn immer noch alles geht? Dass das sog. Startgeld der Künstler aber auch verdient werden mußte, und das zumeist in der Großindustrie im Lager oder an der Kasse eines Konzerns, wurde geflissentlich ignoriert. Moralisch mag dadurch das Gewissen beruhigt worden sein, aber dass diese offensive Leidensbereitschaft, die extreme Selbstausbeutung im eigentlichen Sinne staatstragend war, wurde ignoriert.Was meinen Sie damit?
Nun ja, es ist doch wohl logisch, welche Erkenntnis die Industriellen und Wirtschaftsleute aus solchen Ausstellungen zogen: Not macht erfinderisch. In der Wirtschaftswissenschaft heißt das dann: Die Identifikation mit dem zu produzierenden Produkt muß dahingehend bei dem Arbeitnehmer gesteigert werden, dass es eine Bereitschaft zur Selbstausbeutung wird. Wenn ich einem Menschen durch flache Hierarchien, durch eine schöne Kantine, durch gute Pressearbeit etc. das Gefühl des Stolzes auf seinen Betrieb und Verantwortung für eben diesen vermitteln kann, ist seine Leistungsbereitschaft auch bei geringerem finanziellen Budget hoher. Unabhängigkeit wird hier zum Mittel der positiven Konditionierung des eigentlich Abhängigen, und wie das zu bewerkstelligen ist, zeigen die Künstler. Sehen Sie sich doch mal auf Vernissagen um, wer sind denn die potentiellen Förderer und Liebhaber von Kunst? Sicher doch nicht mehrheitlich Arbeitslose oder Fabrikarbeiter. Es ist ein politisches MissverstSndnis, zu glauben, dass, wenn ich für irgend etwas kein Geld bekomme, es deshalb gut oder moralisch weniger anrüchig, geschweige denn weniger elitär wäre. Nach wie vor halte ich das für eine fatale bildungsbürgerliche Konstruktion, die in das Gegenteil des Gewollten mündet.
Aber der Umkehrschluss, dass etwas finanziell Erfolgreiches besser sei, ist doch wohl auch nicht so zu machen?
Nein, natürlich nicht, aber man schützt doch seine gesellschaftliche Position falsch ein, wenn man behauptet, als Künstler auf einer Stufe mit dem Lohnempfänger zu sein. Mich hat hier Pierre Bourdieu stark geprägt, der für ein relevantes Handeln die gesellschaftliche Positionierung, allein schon um MissverstSndnissen vorzubeugen, voraussetzt.
Jeder, der etwas bewegen will, ist auf gewisse Weise ein Romantiker, häufig auch noch pathetisch, aber deshalb muß man ja nicht gleich das Denken aufgeben.Ist Ihr Schritt in die Unternehmensberatung also etwas, das sich als Reaktion auf die bestehenden Verhältnisse verstehen läßt? Sind Sie letztendlich einer Suche nach moralischer Integrität gefolgt?
Seien Sie nicht zynisch, schliesslich habe ich zugegeben, dass auch ich ein Romantiker bin, und ich will sicher nicht sagen, dass alles richtig ist, was ich tue ...
Also, warum sind Sie, wenn auch nur für kurze Zeit, Unternehmensberater geworden?
Dabei waren mehrere Punkte für mich entscheidend: Zum einen wollte ich versuchen, meiner Kritik an der gängigen Kunstpraxis in der Form Gestalt zu geben, dass es sehr wohl Möglichkeiten für relevantes Handeln gibt. Ich dachte, man müsse an die Orte gehen, an denen mit Kunst - bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt - operiert wird, an denen es ein Handlungsmodell von höchster gesellschaftlicher Relevanz wird. Es ist klar, dass es dort nicht ausschliesslich um Kunst geht, aber doch zu einem hohen Maße.
Ein anderer Punkt ist ein ganz persönlicher gewesen: Ich wollte für das, was ich tue, entlohnt werden. Es gab bei mir immer ein Problem, das sich aus meiner protestantischen Sozialisation ergab, nämlich die Sucht danach, den Tag in so etwas wie Freizeit und Arbeit einteilen zu können. Die Mönche hatten den Tag in 3 x 8 Stunden eingeteilt, um möglichste ein gottesfürchtiges Leben führen zu können, indem sie acht Stunden arbeiten, acht Stunden mit Kontemplation bzw. Beten verbrachten und acht Stunden schliefen - im Endeffekt ein Vorgriff auf die späteren Notwendigkeiten der Industrialisierung. Nicht, dass ich hätte beten wollen, aber mir schwebte eine genaue Tageseinteilung immer deshalb vor, um ohne Gewissensbisse in der Sonne liegen zu können. Als Künstler ist man 24 Stunden im Dienst und selbst das Liegen schien mir genutzt werden zu müssen. Wenn man im Gegensatz dazu einem Beruf mit monatlichem Einkommen nachgeht, ist die Einteilung deutlich: Hier arbeite ich, um meine Existenz zu sichern, und danach tue ich etwas, das sich selbst genug ist.
In der Hauptsache war es mir allerdings wichtig, zu überprüfen, ob meine Meinung, meine Vorstellung von der Relevanz der Kunst in wirtschaftlichen Bezügen stimmig war.Und, stimmte es mit der Realist überein?
Nein, nicht ganz, es war noch viel gravierender, als ich es mir dachte. Anfangs brachte ich noch recht zaghaft meine Fragen bezüglich Aesthetischer und sozialer Funktionen vor, mußte dann allerdings schnell feststellen, dass die Auseinandersetzung bereits viel weiter war, als ich es mir vorstellte. Man benutzte ästhetik zum Beispiel als Grundlage von Mitarbeitermotivation, ohne auch nur im Ansatz daran zu zweifeln, dass sich die Investitionen hierfür lohnend auf die Produktivität der Mitarbeiter auswirken würden.
Jede Werbeagentur hat grosszügige Etats, um das Kaufverhalten einer abstrakten und zugleich sehr realen Zielgruppe zu beeinflussen, ich verstehe den Unterschied nicht ...
Der Unterschied liegt darin, dass Kaufverhalten meßbar ist. Werbung lebt von der Präsenz des Namens, wobei ein guter Werbespot nicht unbedingt gut funktionieren muß, d.h. nicht unbedingt die Verkaufszahlen steigert. In jedem Fall ist Werbung offensiv, und nicht selten führt dabei Penetranz zum Erfolg. Wenn ich mich aber mit Sonderlackierungen für ein Hochregal eines Lagers beschäftige, ist dies beiläufiger. Ein Regal muß gut gebaut sein, logistisch und arbeitsökonomisch gut funktionieren, die Höhe ist wichtig, um die Arbeitsabläufe produktiv, aber auch ergonomisch effizient zu gestalten. Die Farbe spielt dabei eine gänzlich andere Rolle, ihr Erfolg ist nicht meßbar. Die Finanzierung einer Sonderlackierung ist eine Vorauszahlung, die sich nicht meßbar wieder einspielt, wie es bei einer erfolgreichen Werbung der Fall ist. Die andere Farbigkeit entwickelt eine Wirkung, aber welche?
In den achtziger Jahre gab es viele Arbeiten von Kunst im öffentlichen Raum, die mit so einer Beiläufigkeit zu tun hatten, die den Blick für den Umraum zu beeinflussen versuchten, und Anfang der neunziger Jahre machen Unternehmensstrategen sich Gedanken über die Farbigkeit von Hochregalen und die Beleuchtung von Lagern, in denen vielleicht 60 Leute arbeiten. Wo liegt der Unterschied zwischen dem Streichen eines Stahlträgers, der auf einer Baustelle liegt, und der Lackierung eines Stahlträgers, der ein Teil eines Hochregals ist? Das eine hat unbestimmte Betrachter, veröffentlicht sich im Kunstzusammenhang und ist eine vorübergehende Intervention, das andere hat eine definierte Anzahl von Betrachtern, veröffentlicht sich im industriellen Zusammenhang und ist eine zielgerichtete Intervention ...
Verstehen Sie, was ich meine? Wo ist hier der Unterschied? Ist das eine manipulativ und das andere die Suche nach Erkenntnis? Was ist was? Das eine wurde durch eine Person, durch eine persönliche Befindlichkeit entwickelt, das andere in Zusammenarbeit einer Vielzahl von Menschen, im Bezug auf die romantische Vorstellung, die Produktivität der definierten Gruppe zu steigern. Ist nicht auch der angestrichene Stahlträger auf der Baustelle in der Idee, den Blick zu irritieren, gleichsam produktivitätssteigernd im Hinblick auf eine undefinierte Gruppe von Betrachtern?
An diesen Fragen bin ich schier verzweifelt, zumal es mir natürlich immer noch darum ging, zu klären, wie ich mich als Künstler und Mensch in dieser Welt arrangiere.Wenn ich Sie richtig verstanden habe, gibt es nichts, das sich einer Vereinnahmung entziehen kann, und Sie beklagen diesen Zustand.
Nein, da haben sich mich ein wenig mißverstanden. Es ist richtig, dass sich nichts vor einer Vereinnahmung schützen kann - zumindest nicht in einer Gesellschaft, die so ist wie diese. Ob das aber ein wirkliches Problem darstellt, glaube ich eher nicht. Vielleicht sollte ich es nochmals versuchen zu erklären: Sehen Sie, in der naturwissenschaftlichen Forschung gibt es jene, die nach einem Impfstoff suchen, und jene, die eine Pflanze erforschen. Bei der Suche nach einem Impfstoff ist es wichtig, möglichst viel von dem zu kennen, was es gibt, um in Versuchsreihen die Wirksamkeit überprüfen zu können. Die Suche generiert sich in erster Linie aus der Nutzung der bestehenden, bereits entdeckten Substanzen und verfolgt ein Ziel. Der Erfolg oder Mißerfolg dieser Forschung ist einfach zu beweisen. Forscher, die eine Pflanze untersuchen, verfolgen das Ziel, mehr von der Pflanze zu wissen, sie zu verstehen. Natürlich kann es sein, dass sie dabei einen Wirkstoff entdecken, der zufällig dem erstgenannten Forscher behilflich wäre, sein Serum zu entwickeln. Es ist ganz banal, der eine begibt sich auf eine zielgerichtete Suche, der andere findet etwas oder eben auch nicht. Niemand würde bestreiten, dass sich diese Arbeitsteilung als produktiv erwiesen hat. Der entscheidende Punkt hierbei ist die Verwaltung der Information: das Gefundene muß veröffentlicht werden, damit es genutzt und damit einem Zweck zugeführt werden kann.
Wie vorhin beschrieben: mit der Kunst im öffentlichen Raum und den gestrichenen Hochregalen verhält es sich zum Beispiel Ähnlich. Verfolgt man diese Kausalkette, so wäre es doch selbstverständlich, dass beide Arten von Forschung gefördert werden müssen, um ihre Arbeit machen zu können, und vor diesem Hintergrund scheint es doch auch sinnvoll, Künstler und Künstlerinnen mit beratender Funktion in solchem Zusammenhang zu Rate zu ziehen.erschienen in revision 02 - november 1998