Max Clement - Personalreferent, Hamburg

Im Gespräch mit Max Clement

 
Herr Clement, Sie haben Kunst studiert, über mehrere Jahre intensiv an einer Neuformulierung des künstlerischen Aktionsfeldes gearbeitet, an vielen wichtigen Ausstellungen - z.B. Heroes of the Future in Pasadena - teilgenommen und sind heute, nach ein paar Jahren als Unternehmensberater, Personalreferent eines deutschen Industriebetriebes. Wie geht das zusammen? Ist die Industrie das von Ihnen geforderte neue Aktionsfeld für die Kunst?

Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Es war der Idealismus, der mich zur Kunst trieb. Ich habe mit der Kunst begonnen, als deutlich wurde, daß sich die gewohnten Orte, das System von Ausstellung, Verkauf und wissenschaftlicher Theorie aufzulösen begannen. Die politische Situation war geprägt von einer Mentalität des Aussitzens, die sich nicht zuletzt auch auf die gesamte Kunstproduktion auswirkte, wenn auch ein paar Künstler eifrig versuchten, durch Arbeiten in sozialen Brennpunkten das Gegenteil zu behaupten. Mich langweilte die Kunst und nichtsdestotrotz glaubte ich an sie in der Form, daß ich in ihr die Möglichkeit sah, mit Menschen zusammenzukommen, die sich in einer gewissen Unabhängigkeit mit der Veränderung der Welt befaßten. Es war mein großer Traum, diese Menschen zusammenzuführen und gemeinsam über die gesellschaftliche Relevanz und über die Möglichkeiten der Kunst zu sprechen. Wissen Sie, ich bin seit jeher ein Pragmatiker, und so war es auch damals schon mein Ziel, über das Sprechen hinaus eine Handlungsanweisung für mich und andere zu entwickeln. Vom Marxismus kommend habe ich aber leider die menschlichen Unzulänglichkeiten unterschätzt... 

Können Sie vielleicht kurz Ihre Idee von damals erläutern?

Im Prinzip war sie ganz einfach: Die künstlerische Produktion von Bildern, die einen Marktwert erhalten und dadurch die Produktion weiterer Bilder ermöglichen, sollte abgeschafft werden. Die Verquickung zwischen Werk und finanzieller Existenz schien mir absurd. Die Kunst sollte in beratender Funktion an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt werden und eben auch dafür bezahlt werden. Ein Chemiker wird auch nicht dafür bezahlt, das er seine Reagenzgläser verkauft, obwohl sie natürlich der eigentliche Ort von so etwas wie Erkenntnis sind. In frühester Jugend sah ich einen Film, in dem ein leicht autistischer Gärtner Premierminister von England wird, weil er alle Fragen, die ihm gestellt werden, aus seinem Wissen über Gärten beantwortet und damit eine Reihe von entwaffnenden Erkenntnissen produziert. So in der Art habe ich mir das auch für die Kunst vorgestellt, nur daß ich nicht Kanzler werden wollte, oder doch ...
Mir gefiel die Idee, Werke verschenken zu können, weil man auf ihre Verkaufbarkeit nicht angewiesen ist. Außerdem dachte und denke ich noch heute, daß Künstler und Künstlerin ein Beruf ist, und empfand es nur recht und billig von Existenzängsten befreit zu werden. 

Kunst transportiert doch aber auch Erkenntnisse, die eben gerade nicht in Worte zu fassen sind. Wenn ich Sie richtig verstehe, scheint es doch aber vor allem darum zu gehen, daß der Künstler sein eigener Vermittler wird und durch gesprochene Sprache beratend tätig ist.

Nein, sie müssen es sich so vorstellen: Es gibt ein spezifisches oder allgemeines Problem, für das eine Lösung oder zumindest ein Ausweg gefunden werden soll. Nun treffen sich verschiedene Menschen, um darüber zu befinden; jeder ist auf die Weise vorbereitet, wie es sein Fachgebiet in Kombination mit seinen menschlichen Erfahrungen gebietet. Für mich als Künstler hätte die Vorbereitung darin bestehen können, einen Ort auszuwählen oder zu gestalten, der diffus auf den Verlauf der Diskussion zu wirken in der Lage ist, oder ich zeige ein Bild, ein Modell, welches für das Problem passend scheint. Eigentlich liegt das Problem ja aber auf einem anderen Blatt: Ende der achtziger Jahre gab es im Rahmen der Corporate identity-Debatte große Kunstkäufe der Banken. Man dachte dabei nicht nur an das kulturelle Image des Betriebes, sondern eben auch an die Erkenntnis, die eine Auseinandersetzung mit den Künstlern und ihren Werken nach sich ziehen konnte. Nebenbei begann es auch in dieser Zeit, daß die Geisteswissenschaften - vor allen die Philosophen - in die strategischen Unternehmensberatungen drängten. Dieses Modell funktionierte so lange bis alle Geschäftsstellen mit Bildern, Wechselausstellungen und ähnlichem versorgt waren; später brach dieser Tauschhandel irgendwann zusammen. Zum einen veränderten sich die Werke: von Flachware hin zu Installationen, die neuen Medien, die kaum eine verbindliche Preisbildung zuließen.... Zum Anderen wurde das Interesse an der künstlerischen Produktion für die Analyse wichtiger, als das Werk, was dazu führte, daß es mehr und mehr üblich wurde Künstler zu interviewen, Institutionen und Galerien von außen zu analysieren. Viele Künstler und Künstlerinnen wurden damals aus finanziellen Gründen dazu gezwungen ihre Arbeit einzustellen und sich in meist schlecht bezahlte Hilfsjobs zu flüchten. Meine Idee war eine Art Pakt mit dem Teufel: Der Analyse konnte man nicht entgehen sobald man sich auf welche Weise auch immer exponierte, also schien es logisch zumindest zu versuchen die Analyse selbst zu leisten, Mißverständnissen vorzubeugen und eben dafür, daß man sich kritisch auseinandersetzt und gesellschaftliche Relevanz behauptet bezahlt zu werden. Grob umrissen ist dies eigentlich mein Weg in die Unternehmensberatung.

Unternehmensberatung, Wirtschaft, Industrie. Wird an diesen Orten nicht eine komplett andere Sprache gesprochen? Steht nicht dort überall Effizienz und Vermarktung im Vordergrund, also im Endeffekt geht es doch um Manipulation und weniger um Erkenntnis?

Nun ja, ich denke, daß sich die Managementtheorie in den letzten 20 Jahren sehr stark gewandelt hat und alte Vorurteile, wie Sie sie nennen nur noch unzureichend greifen. Die heutige Situation ist bei weitem komplexer, aber ich möchte zunächst auf Ihre erste Frage antworten: Ich mußte leider feststellen, daß es überall Menschen gibt, die sich dem Anderen gegenüber nur schwerlich öffnen. Sowohl in der Kunst, als auch später in der Wirtschaft habe ich Leute getroffen, die Radfahrer waren und nur ihr Fach und ihre kleinen Erfolge - aber vor allem sich selber - feierten. Allerdings gibt es unter den Künstlern mehr den Typus von Menschen, die sich nie von dem ewigen Student-Sein verabschieden wollen, d.h. vor allem Unverbindlichkeit zur Religion erheben und besonders deshalb unerträglich sind. In der Wirtschaft dagegen, gibt es eher die Duckmäuser, deren Attitüde mehr schulischen Charakter hat und häufig in eine Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Mentalität mündet. In beiden Bereichen habe ich immer diejenigen geschätzt, die professionell waren und Ideale hatten. In der Kunst, wie auch in der Wirtschaft bin ich häufig auf solche Menschen getroffen und es gab immer einen Weg eine Sprache zu finden, da man sich beiderseitig bemühte. Als ich aufhörte mit der Kunst, gab es um mich herum mehr Wirtschaftsleute mit denen es aufregend war sich auseinanderzusetzen, was sicher meinen Schritt in diese Richtung noch befördert hat.
 

erschienen in revision 01 - juni 1998