Editorial - revision 02
In der ersten Ausgabe der Revision ging es vor allem um Befindlichkeiten, um persönliche Ansätze und Gedanken, die ein Handeln, ein persönliches Handeln möglich machen. Es ist deshalb selbstverständlich, daß dort keine neue ÑTheoriewareì einer wie auch immer gearteten Diskussion an die Seite gestellt wurde, sondern vielmehr im Sinne einer Revision das Vorhandene in seinen Möglichkeiten zum Denken rekapituliert wurde. Die Absage gegenüber der einen Lösung scheint zwar mehr und mehr verbaler Standard, jedoch fällt das Begreifen schwer. Anders kann ich mir sonst die Frage nach dem sich daraus ergebenden Handlungsmodell nicht erklären. Wenn es einen Vorwurf gab, dann immer wieder jenen, daß die Revision im Alltag nicht hilft, keine Struktur für ein anderes Arbeiten vorgibt oder gar eine gänzlich neue Möglichkeit skizziert. Allerdings war und ist dies nicht das Ziel der Revision, die in der Hauptsache als eine Forschungsarbeit zu begreifen ist, welche sich zunächst mit der Analyse des Vorhandenen befaßt. Filtern, Rezipieren und Zuhören können natürlich mißverständlich als endgültiges Handlungsmodell verstanden werden, jedoch handelt es sich für mich dabei um eine notwendige Zwischenphase, die die Möglichkeiten eines etwaigen Informationspools nutzbar machen kann. Selbstmitleid - als Gegenteil dessen - ist weit weniger produktiv und bringt vor allem keinen Spaß.
Das Verhältnis von Kunst und Ökonomie nährt sich aus dieser egozentrischen Haltung, in der die Handlung dem Abwarten und dem Rückzug in persönliche Mythologien gewichen ist.
Nun, es ist so: Ich bin weder wirklich locker, im Sinne von Laisser-faire oder everything goes, noch bin ich sonderlich elegant, wenn es darum geht, ein Verhältnis zur Welt zu gewinnen. Nur in ganz bestimmten Situationen gelingt es, nicht zu denken und mit dem alltäglichen Handeln befriedigt auf das zu blicken, was mich gesellschaftlich umgibt.
Als ich irgendwann ( mit 11) meinen Vater fragte, was denn dieses A im Kreis, welches man auf fast allen Häuserwänden fand, zu bedeuten hätte, antwortete er mir nach langem Überlegen: Ist das nicht das Zeichen für Arbeitsamt.
Es ist also mehr als logisch gewesen, in die Politik zu gehen, und noch logischer war es demnach, enttäuscht von der manipulierenden Rhetorik, mit der es mir gelang, eine politische Karriere angeboten zu bekommen, alles wieder hinzuschmeißen und - moralisch und romantisch, wie ich eben bin - in der Kunst die einzige Möglichkeit für ein politisches Handeln zu sehen und den Entschluß zu fassen: Ich werde Künstler.
ÑTo many Florence Nightingales, not enough Robin Hoodsì, hörte ich die Engländer singen, ÑI donít want to change the world, I am just looking for a new Englandì und ÑDeutschland verreckeì. Musik war immer neben, über, unter und bei mir.
Politische Teilhabe, so viel wußte und weiß ich noch aus meiner Parteienzeit, ist eng verquickt mit dem Ort, an dem etwas gesagt wird, mit denen, die zuhören und etwas weitererzählen. Ich bin immer noch peinlich davon berührt, mit der Spraydose in der Hand meine Parolen und Zeichen an Orte gesprüht zu haben, an denen man mich nicht erwischen konnte, sie aber auch nicht gesehen wurden.
Als ich begann, mich mit Corporate identity zu beschäftigen, war da die nebulöse Vorstellung, daß dies ein Ort sein könnte. Eine Theorie der Ästhetik, die eben nicht nur Design meint, sondern soziale Zusammenhänge in den Mittelpunkt stellt. In der Wirtschaft geht es um Motivation zum Kauf, zur Produktivität, also um Manipulation, aber ist es nicht die Aufgabe von Künstlern, dort zu handeln? Benutzt werden wir alle sowieso, und in den achtziger Jahren, als Corporate identity in Deutschland vor allem cultural image meinte, wurden viele Künstler reich an der Idee des Managements, sich verschwommen zur Kunst zu bekennen. Daß dies nicht uneigennützig war, daß man von dem Werk oder zumindest von dem Künstler selbst Erkenntnis, mehr noch gesellschaftliches Ansehen einforderte, versteht sich von selbst.
Wenn wir uns vor der Vereinnahmung nicht schützen können, muß man die Teilhabe anstreben, denke ich.
Als ich mich einlas in die Theorie der Ökonomie, als ich Adam Smithí Methodologie des Individualismus, Fordismus und Post-Fordismus, outsourcing und insourcing und vor allem die sensemaking studies - ein Begriff von Dr. Frank Heideloff - studierte, war ich zunächst begeistert, wie pragmatisch die Sprache ist. Es war die Lektüre eines Management-Readers, der mir den Namen Peter Behrens einflüsterte. Peter Behrens hatte als Künstler und autodidaktischer Architekt die AEG-Werkshallen geplant und realisiert - Autoritätsnachweis: Walter Gropius und Mies van der Rohe waren in seinem Planungsteam und extra angereist, um von ihm zu lernen.
Es war eine Art Gesamtkunstwerk, das ihm vorschwebte. Sicher ist das problematisch und wird heute kontrovers diskutiert. Ein Künstler kann zwar nicht Demokrat sein, aber ein Diktator?
Aber, was bedeutet Handeln. Ist Handeln für Künstler nur möglich, wenn es keine direkte Auswirkung gibt?
Also, Peter Behrens hatte eine Utopie. Meine größte Sehnsucht ist es, eine Utopie zu entwickeln, voller naiver Peinlichkeit, möchte ich die andere oder die neue Welt fordern.
Nach Diego Velázquez und Marcel Duchamp ist auch Peter Behrens eine Motivation in der Kunst, ein richtiges oder zumindest nicht ganz falsches Medium zu sehen.
Rein in die Wirtschaft. Ich meine nicht den Kunstmarkt, bei dem man Eintritt zahlt, um zu sehen, wie viel Geld für Kunst ausgegeben wird, und meist depressiv die Rückfahrt im Kleinwagen mit kaputtem Auspuff antritt, sondern die Wirtschaft, die wichtiger ist als das satirische Theater, das sich Regierung, Kabinett oder Landtag nennt. Die Philosophen haben in den achtziger Jahren zusammen mit den Germanisten die Unternehmensberatungen bevölkert. Mit Philosophie kann man kein Geld verdienen - Wer Sorgen hat, hat auch Lacan! Ästhetische Themen werden also von Ingenieuren, Philosophen, Managern und Betriebswirten verhandelt. Dort, wo aus Kunst eine Late Night Show wird, hört das Denken gerade nicht auf, sondern wird zu einer haltlosen Manipulation Machinerie, für die jeder Künstler, der auf der Suche nach dem Anderen ist, die Munition bastelt.
Paul Virillo hat einmal gesagt, der 2.Weltkrieg sei vor allem ein Kampf zwischen Schwarz-Weiß und Technicolor gewesen, den Technicolor gewonnen hat.
In der Schule hat mich mein Philosophie-Lehrer, wenn ich mal wieder Heidegger nicht gelesen hatte, angeschrien, wer das denn wissen sollte, wenn nicht wir, die dreizehn Jahre dazu Zeit haben, zumindest rudimentäre Grundlagen zu lernen.
Alles Selbstmitleid abschütteln und handeln, nicht dumm handeln, nicht handeln des Handelns willen, sondern bewußt handeln.
Ich mache diese Zeitung.
In der Zeitung gibt es viele Parallelen, viele Texte aus den unterschiedlichen Blickwinkeln weisen Anknüpfungspunkte auf, eigentlich hat alles miteinander zu tun. Die Zeitung ist ein Handlungsmodell, um ins Handeln zu kommen. Keinen Schritt vor dem ersten machen. Es gibt Schnittstellen und Scharniere.
Kapielski sagt: Bei Schnittstelle muß ich immer ans Brotschneiden denken. Da weiß ich genau, wo das ist, die Schnittstelle, da wird nämlich eine neue Stulle gemacht, eine Schnitte. Und diese komische Schnittstelle ist ja zunächst einmal Nichts, und dann ist es eben eine bestimmte Stelle, wo ich einen Entschluß fasse, na, genau hier werde ich mal ëne Stulle machen, und dann fresse ich die Stulle auf, und es bleibt eine Kante, sonst nichts, und hinterher ist das, was vorher Nichts war, plötzlich eine Verbindungsstelle namens Schnittstelle.
Scharnier ist etwas für sich, zwischen zwei Teilen. Ein ëundí als Wort. Und ein ëna undí. Hin und her, es ist unmöglich, genaues zu sagen über den Zwischenraum, da ist eine Unschärferelation wirksam.Während in den achtziger Jahren Begrifflichkeiten wie Corporate identity nicht zuletzt durch Kunstkäufe, durch die Bebilderung von Bürogebäuden gefüllt wurden, hat sich die Situation heute verändert. Vielleicht ist die Kunst zu jener Zeit Teil eines funktionierenden Tauschhandels gewesen, der darüber hinwegtäuschte, daß die Idee eines Werkes auch eine logistische Komponente besitzt, die bei weitem unterschätzt wurde. Ein Werk beansprucht einen Raum. Sei es die Lagerhalle, in dem das künstlerische Produkt gut verpackt Zeit an sich vorüberziehen läßt oder sei es, daß mehrere Quadratmeter Wand oder Boden besetzt werden, die Produktion ist immer auch ein Lagerproblem und damit endlich. Logistische Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden, und die Ökonomie hat lange Erfahrungen darin.
Daß Kunst ein Produktionsmittel darstellt, war als nebulöse Vorstellung vorhanden und deshalb die Folge, sich aus dem Kauf zurückzuziehen und die Analyse zu unterstützen, voraussehbar.
ÑDas Kunstsystem bietet an und verkauft nicht Produkte, sondern Varianten des individuellen Konsumverhaltens. Oder noch kürzer: Im Kunstsystem wird der Konsum konsumiertì, schreibt Boris Groys in seinem Essay ÑKunst als Konsumì (erschienen in Paradex 0 Juni 1998). Die vermittelte Analyse eines allgemeinen Konsums, d.h., flankierende Analysen der Konsumenten durch die Kunst machen die soziologische Marktforschung effektiver und flächendeckender, zumal die Analysen frei Haus geliefert werden.
Ein Trendscout ist heute in der Lage, vier Tage lang hochbezahlt Kaffee zu trinken, wenn er nur die richtige Ausstellungseröffnung besucht. Das Exploitieren der Subkultur wird durch die Kunst vorgenommen und häppchenweise für den kommerziellen Markt angerichtet. Die Sucht, sich in subkulturellen Zusammenhängen seine Kontexte zu suchen, führt nicht zu so etwas wie Authentizität, sondern endet zumeist in mehr oder weniger funktionierenden Strategien, den eigenen Ruhm zu nähren. Wir arbeiten in der Gruppe, wir arbeiten in den Clubs, wir arbeiten in den Galerien, aber vor allem arbeitet Friedrich M. auf vielen Schauplätzen gleichzeitig und ist immer schon da. Gruppe und Kontext scheinen häufig ein Euphemismus, um sich aus der Gruppe heraus als einzelner zu profilieren, dabei allerdings einer zeitgenössischen Struktur zu folgen. Der Popstar mit Kontextanbindung fühlt sich moralisch correct.
Aber wie gesagt, anderenorts wird dadurch viel Arbeit gespart, man spart Zeit, denn die Kunst ist ein gewissenhafter Konsument, immer bemüht, auf dem neuesten Stand zu sein, bereit auszubeuten, bereit ausgebeutet zu werden.
Die gesellschaftliche Verantwortung von Konzernen in einen politischen Zusammenhang zu integrieren, ist ein Modell, das am offensichtlichsten von Tony Blair in England propagiert wird, aber nur deshalb funktioniert, weil es in dieser Zeit sowohl das Arbeits- als auch das Konsumverhalten maßgeblich beeinflußt. Die komplexen Netzwerke funktionieren, weil Vorteilsnahme heute eben auch bedeutet, die Konsumenten konsumfähig zu halten, sie in soziale Gemeinschaften zu integrieren und im weitesten Sinne einen Ort zu definieren. Japanische Industriearbeiter erhielten schon vor knapp zehn Jahren eine Teamkreditkarte, die das flach hierarchisch arbeitende Arbeitskollektiv verpflichtet, in regelmäßigen Abständen in Karaoke Bars, Bordellen und Kneipen Geld des Betriebes auszugeben.
Die Revision ist eine Art Forschungsprojekt auf Grundlage der künstlerisch-ökonomischen Verhältnisse und damit der Versuch, eine Handlungsplattform zu finden, die als Möglichkeit eines im engeren Sinne gesellschaftlich relevanten Handelns akzeptabel ist.erschienen in revision 02 - november 1998