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Schön hier!? - Die Wünsche verlassen die Türme und gehen ins Theater.

Armin Chodzinski, ZfvK-Hamburg

 

„Frankfurt ist voll von Studierten. 90% mindestens. Sie glauben nicht, wie kompliziert die Menschen hier sind...“,

sagt Frau M., mit der ich mich im Starbucks-Café neben der Commerzbank treffe, um mit ihr über den Satz „Schöner wär’s, wenn’s schöner wär“ zu sprechen.

Frau M. arbeitet in einem der großen Türme der Stadt und entscheidet in ihrem Alltag über sehr hohe Geldbeträge und deren Verwendung.

 

Als sie das Café betritt, geht sie geradewegs auf den gutaussehenden, braungebrannten Mann mit halboffenem Hemd und Dreitage-Bart zu, der hingegossen und raumgreifend auf dem Sofa in der Nähe des Eingangs sitzt bzw. liegt.  Selbstverliebt und ebenso –bewusst schweift sein Blick durch den Raum - bemüht geheimnisvoll und uninteressiert, auf Aufmerksamkeit und Abenteuer wartend. Leger ist er gekleidet, trendbewusst und modisch verlottert, wie man es von gut verdienenden Angestellten der Kreativ-Industrie her kennt.

 

Er fällt auf in diesem Cafe: Er trägt keine Krawatte. Seine Inszenierung des Wissenden, des Unangepassten, desjenigen mit verrückten Ideen, der etwas wagt, geht auf: Frau M. hält ihn für den Künstler.

 

Als ich aufstehe und das verheißungsvolle Gespräch mit dem Kreativen unterbreche, um das Missverständnis aufzuklären: „Entschuldigung, aber ich bin es mit dem Sie verabredet sind...“, ist sie ein bisschen enttäuscht und lässt sich das auch anmerken:

„Ich dachte immer Künstler sehen anders aus...“, sagt sie irritiert und stellt dann mit einer gewissen Beruhigung fest, dass an dem Sakko meines blauen Anzuges wenigstens ein Knopf abgerissen ist – wenigstens das.

 

„Die Menschen sind so unglaublich kompliziert... Über 50% Singles - in der Liebe geht es hier nur um Macht...“, platzt es bereits in den ersten 10 Minuten unseres Gespräches aus ihr heraus. „Die Astrologin, mit der ich immer mal wieder telefoniere, sagt das auch. Sie sitzt in Berlin und die meisten Anrufe, bekommt sie aus Frankfurt. Hier brauchen die Menschen wirklich Hilfe...“, sagt Frau M. „Gehen Sie doch mal zu Hugendubel! Als ich vor ein paar Jahren nach Frankfurt kam, gab es nur einen kleinen Ständer dieser Lifestyle Beratungsbücher. Heute ist es eine ganze Wand voll: Die Glücksformel, Simplify your Life und wie sie alle heißen - meterweise. Ich kenne viele, die die Sachen kaufen, aber danach leben? Danach leben, das macht keiner... die bleiben lieber unglücklich.“

„Hier geht’s rapide bergab!“, sagt Frau M. weiter. „Der Wettbewerb innerhalb und außerhalb der Bank ist härter geworden. So etwas wie Unternehmensethik wäre gut! Soetwas bei dem nicht nur das Materielle zählt, sondern auch fernöstliche Philosophie vorkommt... .“

Es sei immer ihr Wunsch gewesen in einem Hochhaus zu arbeiten und nun wo sie dort sei, tue es zwar gut, im Herzen der Republik dort zu sein, wo das Geld gemacht wird, doch Freunde, Freunde fände man leider keine. „Man kann hier sehr einsam sein“, sagt sie. Die einen hätten bereits ihren festen Freundeskreis, den sie aus guten Gründen nicht erweitern wollten, die anderen...nun ja, die anderen. Das sei doch reine Fleischbeschau. Die Männer würden sich ihre Ehefrau und ihre Kinder zu Hause halten und unter der Woche... „Nun ja, Sie können sich ja vorstellen, wie es auf diesen After Work Partys zugeht.“

Kann ich mir ehrlich gesagt nicht, weshalb ich nach Lokalitäten frage, um sie zu besuchen, um dann zu wissen, wie es so ist mit den anderen und den After Work Partys.

 

Als ich das Euro Daily betrete ist es kurz nach sieben. Die Bar und die Tische sind besetzt. Außer den drei einzelnen Männern, die an der Theke sitzen, ist man in geschlechter-sortierten Kleingruppen vor Ort: 3/4 Männer. 1/4 Frauen.

Die Anzüge sitzen nur selten. Die Kostüme schon eher. Der Wirt gibt sich gegenüber den Gebügelten verbindlich und körperlich. Wie ein großer Bruder oder Vater verteilt er Umarmungen, Schulterklopfen - Nähe im Preis inbegriffen.

Zwei Jungs in zu großen Anzügen, zu großen Schuhen und zu kurzen Haaren weisen die weibliche Bedienung Anfang zwanzig im Minirock auf eine Laufmasche in Ihrem Nylonstrumpf hin.

„Macht doch nichts“, sagt der eine. „Gibt Schlimmeres“, der andere. Merkwürdige Sätze der Beruhigung, die auf eine durchaus selbstbewusste Frau treffen, die bestimmt mit vielem Probleme hat, aber sicher nicht mit einer Laufmasche, die in diesem gastronomischen Betrieb viel mehr wie ein inszeniertes Kommunikationsangebot im Sinne einer erlebnisorientierten Gastronomie wirkt.

„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt: Ich bin der Timo“, sagt der selbstbewusstere der beiden Gebügelten. „Gestern ging es ja wirklich hoch her. Wie lange habt ihr denn gemacht?“, legt der Schüchterne ohne eine Antwort abzuwarten nach. Er spricht zu leise, als dass er von der groß gewachsenen Bedienung hätte verstanden werden können.

Als sie professionell und freundlich nachfragt, bricht es unvermittelt aus ihm heraus: “Wie heißt Deine Kollegin, die gestern da war?“

Man lacht, schaut zu Boden und unterhält sich über die Kleidung, über das tiefe Dekolletee der Kollegin, die gestern da war und welches den schüchternen Freund von Timo seitdem beschäftigt.

Gestern war Dienstag. Dienstag ist After Work Party im Euro Daily. Timo und sein schüchterner Freund kommen jeden Dienstag und jeden Mittwoch, um den Dienstag nachzubereiten. Als die Bedienung weiter ihrer Arbeit nachgeht, rutscht Timo von dem zu hohen Barhocker herunter und ordnet seine Hose. Eine Naht des Emergildo Zegna Anzuges ist verrutscht und klemmt fest im Schritt.

Im Westen nichts Neues.

Es sind unterschiedliche Motivationslagen, die Angestellte von Banken und Dienstleistungsunternehmen in Frankfurt dazu bringen mit mir in einer Reihe von Interviews über den Satz: „Schöner wär’s, wenn’s schöner wär“ zu sprechen:

 

1. Menschen, für die Frankfurt eine Arbeitstadt ist, von der sie morgens aufgesogen und abends wieder entlassen werden, um in die festen sozialen Gefüge der Vorstädte zurückzukehren. Ihre Geschichte und ihr Verhältnis zu der Stadt, ist im wahrsten Sinne temporär. Neugier und ein ungeklärtes Verhältnis zu dem was Frankfurt ist oder sein könnte weckte ihr Interesse für ein Gespräch.

 

2. Menschen, die in Frankfurt eine Heimat und eine Geschichte haben oder suchen und gerade deshalb antraten die Stadt zu verteidigen; die bereit waren zu sprechen, um sich viel mehr selbst die Frage zu stellen, was denn schöner wär, wenn’s schöner wär, denn eigentlich ist es doch schön hier.

 

3. Menschen, die die kulturelle Vielfalt der Stadt nutzen, die kulturelle Grundversorgung als Menschrecht empfinden und deshalb quer zu der „Stadt der Türme“ genügend Orte finden, um zu sein. In der Unterschiedlichkeit, der Gebrochenheit der Stadt, Nischen erkennen und diese bei Bedarf besetzen oder betrachten oder was auch immer. Das Gespräch mit einer personifizierten Nische in Form eines fragenden Künstlers gehört logisch zu Aneignungspraxis von Stadt.

 

4. Menschen, die in der Stadt leben, um eine persönliche, auf Karriere ausgerichtete Agenda abzuarbeiten. Und im Rahmen der eigenen Beschleunigung die Stadt als Ort von Bedeutung und Macht genießen oder eben hassen, weil der Preis für die Beschleunigung die Einsamkeit ist. Diese suchten das Gespräch, weil es das eben so selten gibt - aber filmen lassen wollten sie sich lieber nicht.

 

Mit dem Begriff Widerstand, den ich vorsichtig als mögliche Konsequenz des Schöner-Werdens andeutete, haben alle ein Problem.

 

Frankfurt: nachts 600.000 Einwohner, tagsüber 1,4 Millionen.

Statistisch gesehen wechselt sich die gesamte Bevölkerung Frankfurts alle 10 Jahre einmal aus.

 

Einschub:

Werdet Umzugsunternehmer!

Unsichere Zeiten produzieren sichere Berufe oder anders:

Kein Krieg ohne Gewinner.

 

Über die, die bleiben fegt die Welle der scheinbaren Veränderung in regelmäßigem Turnus hinweg. Karrierewillige sind die Gischt dieser Wellen, die zwar gelegentlich etwas hervorspült, aber letztlich nichts verändert – vielleicht manchmal etwas verformt oder abschleift. Es bleibt alles wie es ist. „Frankfurt ist ein Dorf, das nach Großstadt riecht!“, sagt Herr G., der im letzten Jahr 130.000 Flugmeilen gesammelt hat und bei einer großen Investmentbank arbeitet.

 

Die Idee, dass es schöner wär, wenn es schöner wär, ist sowohl Hoffnung, um nicht Utopie sagen zu müssen, als auch Kritik. Aus einer bestimmten Perspektive drängt sich die Vokabel Widerstand wie selbstverständlich in den Satz hinein. Der politisierte Blick neigt dazu, im Angesicht der Komplexität die Dinge begrifflich zu verkürzen, um sie inhaltlich ins Unendliche aufzublähen. Die Verzweifelung vereinnahmt die Hoffnung und so gesellt sich zu dem Schönen das Widerständige und eben nicht die Veränderung.

 

Veränderung und Widerstand?

Veränderung oder neudeutsch CHANGE - ein Begriff mit neoliberalem Glanz. Ein gesellschaftlicher Begriff, der allerlei möglich macht: Auf der Suche nach Innovation oder Entwicklung ist Veränderung und vor allem die Methodik der Veränderung, „die Kritik“, eine Zaubervokabel.

Es soll sich immer alles verändern. Das ist der heutige Imperativ. Immer soll sich alles verändern: In der Gesellschaft, im Unternehmen, im Sportverein, in der Kneipe, im Theater.

Veränderung: das Neue oder das Andere ist überall gefragt: Wo darf eigentlich irgendetwas mal in Ruhe stagnieren?

 

Veränderung klingt gut. Widerstand klingt angestaubt.

„Ein zu großes Wort“, sagt Frau R. „...zu absolut“, Frau L. „... zu gewalttätig“, Herr D.

 

Widerstand ist mit Krieg und Geschichte, mit Blut und Verzweifelung aufgeladen. Je nach Perspektive angefüllt mit Angst oder der Romantik des Wir gegen Euch. Der soziale Mief unter den Wollpullis und Sturmhauben steht im Widerstreit mit dem Glauben an die Autorität.

Greift der Begriff von Widerstand, der mit Kritik, Bewegung, Aktivität und Verweigerung gleichgesetzt wird, überhaupt noch?

 

„Mein Widerstand ist halt, dass ich draußen wohne“, sagt Herr K., der als Abteilungsleiter in einem der Türme arbeitet.

 

Widerständigkeit kann auch das Sitzenbleiben meinen, das Sich-Einrichten, das Ausloten von dem, was da ist. Vielleicht meint Widerstand in Zeiten der Veränderungsdogmatik den Stillstand. In dem Verharren gibt es die Möglichkeit, es sich schön zu machen: kleinteilig, langsam und doch kollektiv.

 

Bedeutet Ästhetik des Widerstands heute eine möglichst massive Schrankwand ohne mitgelieferten Imbusschlüssel?

 

Herr H. ist wegen der Karriere nach Frankfurt gekommen. Die Position, die er heute in Frankfurt bekleidet ist ein wichtiger Schritt auf der Karriereleiter der Bank, mit der er sich schon seit Jahren verbunden fühlt und die in den letzten Jahren schon durch diverse Orte in Deutschland trieb. Nach Frankfurt kam Herr H. mit Vorbehalten, die sich aufgelöst haben. Es ist die Vielfalt, das Wollen jedes Einzelnen, das Verschwimmen von Beruflichem und Privatem, das ihn schnell mit der Stadt versöhnt hat. „Wichtig wäre, dass der Konjunktiv Schöner wär, wenn’s schöner wär in ein aktives Verantwortungsgefühl transformiert würde“, sagt Herr H., mit dem ich mich in seinem Büro treffe. Sein Turm ist nicht so hoch wie die anderen, aber dennoch von Bedeutung. Aus seinem Fenster kann man sie sehen, die anderen großen Türme und so ist das Bild, das wofür sie stehen, präsenter und zentraler Identifikationsfaktor. „Wenn es denn schöner werden soll, hängt es einzig und allein davon ab, dass jeder Einzelne ein für sich bedeutendes und wichtiges Ziel formuliert und gleichzeitig auch zum Ausdruck bringt, was er persönlich bereit ist zur Verwirklichung dieses Zieles beizutragen“, führt Herr H. weiter aus.

Herr H. freut sich auf die neuen Hochhäuser, die entstehen werden und fühlt sich wohl in Frankfurt, auch wenn diese Stadt eigentlich noch eine große Sportarena bräuchte, um mit Städten wie Hamburg oder Berlin konkurrieren zu können. „Es ist schön hier!“, sagt Herr H.

 

Was ist also ihr bedeutendes persönliches Ziel?

Was sind Sie bereit dazu beizutragen?

 

Die Frage nach der Utopie wird pragmatisch beantwortet. Machbarkeit.

 

„Den Perückenmachern hat die französische Revolution auch nicht gepasst“, sagt die Schwester der Pensionsbesitzerin, bei der ich in Frankfurt übernachte.

„Der Casual Friday, der Tag an dem die Mitarbeiter eines Unternehmens in legerer Freizeitkleidung zu Arbeit kommen können, ist vor kurzem – mangels Nachfrage – bei uns wieder abgeschafft worden“, sagt Herr K.

 

Was heißt Schönheit?

Klassischer Weise wird das Schöne nicht als Eigenschaft begriffen, die einfach da ist, sondern als Produkt eines reflektierenden Urteils von einem oder mehreren Subjekten. Abhängig von deren individuellem Geschmack und Wohlgefallen. Das Schöne ist Resultat eines Prozesses, einer Verhandlung, eines Austausches oder Vereinbarung. Das Schöne ist das Urteil einer Mehrheit oder – dann auch gerne ohne Mehrheit - die Behauptung der Macht. Im Einzelfall ist das Schöne eigen, im gesellschaftlichen Kontext total.

 

Schöner wär’s, wenn’s schöner wär.

Wenn ich die Gespräche der letzten Monate revuepassieren lasse, so ist es gerade der mögliche Konjunktiv des Satzes, der der Mehrheit meiner Gesprächspartner gefällt – sie zu dem Urteil verleitet: es sei schön hier!?

 

Schön hier, weil Frankfurt eine Aneinanderreihung von Möglichkeiten ist.

„Man kann hier gegen fast alles sein...“, sagt Herr D. lachend und voller Sympathie mit der Stadt. Es ist eine Stadt mit der Option der Machbarkeit und dem Vorteil der Sichtbarkeit.

Man sieht die Symbole der Erhabenheit, der Macht, des Kapitals. Man sieht die Armut.

 

Partiell und in Schichten homogenisiert, aber alles in allem mehr eine Möglichkeitsform, als ein zu wahrender Besitzstand. Deshalb hat das „schön hier!?“ auch neben dem Ausrufezeichen, ein Fragezeichen.

„Menschen können hier sehr, sehr einsam sein!“, sagt Herr L. Aber diese Einsamkeit scheint selbst gewählt, folgt man Frau B., die sagt: „Man kann, aber man muss sein Leben nicht gegen die Stadt führen.“

 

In jedem Turm brennt irgendwo zu jederzeit noch Licht und nimmt man einmal an, dass es sich hierbei nicht zwingend um Putzkolonnen oder Inszenierung von Geschäftigkeit durch innovative Marketingabteilungen handelt, so wird das Schöne sicher unterschiedlich reflektiert. Da wo der Kapitalismus sichtbar ist, sich traut sich mit seinen Symbolen über die Menschen zu erheben ist eben alles manchmal ein bisschen anders. Herr H. beschwört im Gespräch das Gefühl Teil einer großen Sache zu sein: in Deutschland in Europa, in der Welt seinen Teil beizutragen. Auch er ist nach Frankfurt gekommen, um sich beruflich weiterzuentwickeln.

Geht es um die Macht des Gestaltens oder um Teilhabe? Ein Unternehmen ist eine Gemeinschaft. Im Idealfall eine Gemeinschaft von urteilenden Subjekten, die gemeinsam auf der Grundlage ihres Wohlgefallens „das Schöne“ aushandeln. So wünscht man sich das Unternehmen, das in der TRUE ECONOMY wettbewerbsfähig bleibt.

 

Frau B., ehemals Unternehmensberaterin, ist aus beruflichen Gründen nach Frankfurt gekommen. „Ich würde mir vorstellen, dass man Frankfurt modellartig nachbaut. Und wenn dann die Frage ist: Schöner wär’s, wenn’s schöner wär, dann könnten die Leute sagen, wie es denn sein sollte... könnten die Türme woanders hinstellen, oder Brücken versetzen...“ Sie lacht. Angesprochen auf einen Ort, an dem ein solches Modell stehen könnte, nennt sie zögerlich ein Museum, „nein, vielleicht eher ein Theater“, ergänzt sie nach einem weiteren Moment des Nachdenkens. Für sie ist „Schöner wär’s, wenn’s schöner wär“ die Frage nach einer Utopie.

Das Schöne braucht die Gemeinschaft der urteilenden Subjekte: Die Türme werden gemeinsam verschoben. Brücken gemeinsam nach individuellen Bedürfnissen gebaut.

 

Die Türme sollen sich verschieben, weil man im Sprechen über das was ist, bereits davon erzählt, dass es jetzt noch nicht gut ist, dass es besser werden muss, dass etwas nicht stimmt, dass man es deshalb anders machen muss. In der formulierten Utopie steckt der Wunsch die Verhandlung über das Schöne aus dem Unternehmen hinauszulösen und in das Museum, in das Theater zu bringen. Da die Gemeinschaft der Besucher des Theaters - anders als jene in einem Unternehmen - nur für einen Abend besteht(Gibt es im Museum eine Gemeinschaft der Besucher außerhalb der Eröffnung?), geht es hier um das temporäre Gestalten als Utopie.

So im Theater wirklich im Modell Türme verschoben werden würden: Wer übernimmt die Aufgabe der Commerz Bank zu erklären, dass sie ihren Turm abreißen müssen? Wer erklärt der EZB, dass man in großer Runde beschlossen hätte, dass ein Neubau überflüssig, aber ein Kinderspielplatz notwendig sei.

 

Aus den Kulturinstitutionen über die Skyline blickend stellt sich die Frage nach dem Blick. Ist das kritische Schauen der Theater und Museen Kritik, Gestaltung oder nur stabilisierendes Ventil, beruhigende Nähe für einen Abend, gewünschter Input der kulturalisierten Macht?

 

Gerne fördert die Deutsche Bank politische Kunst.

 

Wenn in der Deutschen Bank das Licht noch brennt, brennt es in den Büros des Schauspiels auch noch. Hier wie dort wird Gemeinschaft produziert und die Teilnehmenden werden von der Hoffnung getragen, dass ihr urteilendes Reden sichtbar wird, dass es das „Schöne“ oder das „Schöner“ ist.

 

Eine Bilanzpressekonferenz ist vielleicht der Widerpart zu einem Theaterabend.

 

Was „Das Schöne“ ist, ist in der Gemeinschaft des Unternehmens mit dem Blick auf den Betrachter, den Shareholder, entstanden; im Theater mit dem Blick auf die Kritiker, Besucher und Abonnenten.

 

Schön ist dabei im Beispiel der Bilanzpressekonferenz nicht nur der Gewinn, sondern auch die angestrebte Schlankheit. Schlankheit, die - synonym verwandt mit Gesundheit, Beweglichkeit und Schnelligkeit - heute wohlklingender denn je ist.

Der Global-Spieler Deutsche Bank verspricht bis zur nächsten Runde 6.600 Gramm abzunehmen. Das ist gewollt und gewünscht und eigentlich schön.

 

Alle Erregung darüber ist eine viel fundamentalere Kritik, als das Rufen nach einer irgendwie gezügelten Ökonomie. Nimmt man das ernst:  Ist es der Wunsch nach dem Zusammenbruch, die Sehnsucht nach einer Utopie. Kapitalismuskritik der aktuellen Prägung ist dagegen lediglich der Schrei nach Beteiligung, die Sehnsucht mitgestalten zu dürfen, die Hoffnung nicht abgenommen werden zu müssen, unverzichtbar zu sein.

Frau B. sagt: „Viele haben Angst um ihren Job – das ist viel deutlicher als früher.“

 

Das Schöne ist eine Entscheidung der Mehrheit oder der Macht, das Produkt der urteilenden Reflektion vieler oder einiger.

 

Was ist also Ihr bedeutendstes persönliches Ziel?

Was sind Sie bereit dazu beizutragen?

 

Ein Besuch im Living erzählt von bedeutenden persönlichen Zielen und vor allem von der Frage was dazu beizutragen wäre.

In den Nach-der-Arbeit-Etablissements der Stadt herrscht leise Melancholie bevor sich die Stimmung ändert, bevor sich das Melancholische in Mini Excessen seinen Weg bahnt und die Anwesenden entschieden haben diese Nacht – zumindest diese Nacht - nicht allein verbringen zu wollen.

Frau R. sagt, sie lerne die meisten Menschen im Kino oder auf Ausstellungen kennen. Diese After Work Sache „kann man mal machen, aber was soll das?“ Frau R. hat viele Bekannte und auch ein paar Freunde. Privat interessiere sie sich für Kultur, denn im Beruf, da verliere man sich sehr schnell. Nächste Woche will sie mit einer Freundin, die „gar nichts mit dem Job zu tun hat!“ ins Theater.

Frau R. freut sich darauf, denn die Wünsche verlassen die Türme und gehen ins Theater oder auf After-Work-Partys.