december the 2nd
ein text von armin chodzinski für boneresponse, hamburg
Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen Margaret Thatcher (1993)
Wenn ich später Unternehmer bin, dann leiste ich mehr zum Gemeinwohl, weil ich Waren und Dienste produziere und Leute beschäftige so einer der 30 Demonstranten, die Champagner trinkend in Berlin vom Hotel Adlon bis zur DGB Zentrale am Hackeschen Markt mit Polizeibegleitung im Dezember demonstrierten bzw. flanierten. D2 - December, the 2nd weltweiter Aktionstag in über 100 Städten: Der Walk of Capitalism macht auf vier Kontinenten mobil für Kapitalismus, für Liberalisierung, für Globalisierung und gegen Steuern.
Die Demonstration im Januar in München und anderen deutschen Großstädten ist lokaler ausgerichet: 70 Unternehmer tragen einen Sarg vor die Münchner Oper, um gegen hohe Steuern zu demonstrieren. 40.000 Unternehmen begruben 546.000 Arbeitsplätze, d.h. 40.000 Unternehmen mussten wegen der hohen Steuern geschlossen werden, so die Botschaft der Mittelständler, die in der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer kurz: ASU organisiert sind. Wo sind eigentlich Fahrradkuriere organisiert?
Ich weiß genau, dass ich keine Sekunde zögerte diese beiden Meldungen unter der Rubrik Neoliberalismus einzusortieren. Neoliberalismus ist ein Begriff, der fast immer passt, auch wenn niemand so recht weiß, warum eigentlich und deshalb habe ich ihn schon ziemlich lange in meinem heimischen Archiv als Oberbegriff.
Neoliberal, das sind gegeelte Haare, Guido Westerwelle, überfreundliches Personal, schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse, Dienstleistungsgesellschaft, Reichtum, Armut, Globalisierung oder Wirtschaft im Allgemeinen, alles ist neoliberal und da ist man sich einig: Das ist nicht gut, das prangern wir an!
Thomas Hobbes, Margaret Thatcher, Tony Blair, Ronald Reagan, Milton Friedmann, Gerhard Schröder, Yilmaz Dziwior, Dieter Bohlen? ALLE NEOLIBERAL! Karl Marx, Toni Negri? GLAUB ICH NICHT! Angela Merkel: VIELLEICHT. Ulrich Wickert, Guido Westerwelle? AUF JEDEN FALL. Brand Eins, SPEX, Financial Times? BESTIMMT!
Fahrradkuriere? MIT SICHERHEIT!
Fahrrad-Kuriere sind um es einmal salopp zu formulieren - häufig Verrückte: fahrradbegeistert, sportlich engagiert, hoch motiviert, aber ohne Krankenkasse, sagt Lars Uwe Rieck, Gewerkschaftssekretär der Fachgruppe 2 des Fachbereichs 10 der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Ver.di vereinigt insgesamt 13 berufsspezifische Fachbereiche mit ca. 1000 Berufen, unter anderen eben auch Fahrradkuriere.
Schnell und umgehend kam ich in Kontakt mit Lars Uwe Rieck, als ich via Email eine Anfrage an Ver.di stellte, in der ich darum bat gewerkschaftliche Positionen zum Themenfeld Fahrradkuriere erklärt zu bekommen. Rieck ist innerhalb des Fachbereichs 10 Postdienste/Spedition/Logistik für die KEP-Branche zuständig. KEP ist ein geflügeltes Wort, das doch immer wieder erklärt werden müsse, sagt Rieck und übersetzt: KEP = Kurier-, Express-, Paketdienste. KEP oder besser Fachbereich 10, Fachgruppe 2 ist also der Ort, an dem Fahrradkuriere theoretisch, wie praktisch ihre gewerkschaftliche Vertretung finden könnten, würden sie suchen, wenn sie wollten oder davon wüssten....
In dem kleinen Büro am Besenbinderhof nimmt sich Rieck viel Zeit, meine Fragen zu beantworten: Die Eingangsschwelle Kurier zu werden sei extrem niedrig ein Fahrrad oder selbst einen LKW kann man sich problemlos finanzieren - was zu einer hohen Fluktuation und zu einem schnellen Weg in die Selbstständigkeit führe. Die Organisationseinheiten sind vereinzelt, klein und regional.
Die gewohnten Strategien den MitarbeiterInnen beim Aufbau eines Betriebsrates zu helfen, um darüber nicht nur Mitglieder zu rekrutieren, sondern vor allem die Arbeitnehmerschaft zu organisieren, greifen bei den Kurieren nicht. Man versuche überhaupt erst einmal in die Köpfe, in die Wahrnehmung der Leute zu kommen und dafür könne auch ein Schwarzes Brett in der Zentrale schon ein großer Schritt sein.
Die Kunstform der Sub-Sub-Unternehmerschaft fragmentarisiert die Organisationsstruktur. Die Einheiten werden so klein, dass man Mitleid mit der großen Gewerkschaft hat, die für diese Partikelgröße keine Strategie oder erprobte Handlungsweise hat.
Wenn es üblicherweise heute die Gewerkschaften schwer haben, weil man ihnen abspricht die Interessen der ArbeitnehmerInnen mit denen der Arbeitslosen in Einklang zu bringen, so ist die Situation in der KEP-Branche diffiziler: Bis zu Interessen kommt man in den meisten Fällen gar nicht. Wie soll man Interessen einer Gruppe vertreten, die so kleinteilig, so versplittert und doch homogen konzentriert ist? Wie für eine Gruppe agieren, die Bedingungen immer im Gegenwert zu ihren Freiräumen bewertet, die sich letztlich wohl fühlt, weil sie tut was sie tut, weil sie subjektiv eine Art Freiheit spüren, weil sie Gruppe sind, ohne Gruppe zu sein? Welche Interesse haben jene, die sich in der subjektiv empfundenen Differenz sonnen, die einen Weg gefunden haben Mode, Stil und Erwerbsarbeit zumindest temporär miteinander zu verbinden? Was wollen die eigentlich? Vielleicht eine Erklärung wie das alles geht mit den Steuern, mit der Selbstständigkeit mit der Krankenkasse und den ganzen Formalien ...vielleicht wird ein Berater gebraucht. Aber, gibt es wirkliche Interessen, die man vertreten lassen wollen würde?
Nicht erst seitdem die Medien es notwendig machten, auch die Archiv-Rubrik ICH-AG anzulegen, hat sich die Arbeitslandschaft verändert. Vor allem im Bereich Dienstleistung ist die Vereinzelung der ArbeitnehmerInnen, sei es in der Gastronomie oder eben im Kurier-Bereich, Erfolgsfaktor des Geschäftsmodells. ALLES EIGENE UNTERNEHMEN. WERDE DEIN UNTERNEHMEN. SEI INDUSTRIE. SEI LOKAL.
Nimmt eigentlich ein Fahrradkurier die ICH-AG-Förderungen des Arbeitsamtes in Anspruch? Wahrscheinlich nicht, denn hier schmeckt Selbstständigkeit noch nach Freiheit und Finanzierung, was subjektiv vielleicht stimmt bis zum nächsten Unfall, der vier Wochen Arbeitsunfähigkeit produziert oder bis Mitte 50, wenn die Wetterfühligkeit einsetzt. Selbstständigkeit heißt die Wahl zu haben, aber Berater gibt es dort wenige und die Möglichkeit zu wählen bedeutet, eben auch die Pflicht zu wählen. Wenn man mal wirklich etwas braucht, ist es nie da, NIE, NIE, NIE
Da sitzt nun der Gewerkschaftssekretär Lars-Uwe Rieck auf einsamen und verlorenem Posten und blickt trotz allem freundlich. Sein Büro ist geräumig, auch wenn man das Gefühl nicht los wird, als seien die Möbel ein wenig zu groß für den Raum geraten. Die geforderte Dienstleistung liefert die Gewerkschaft nicht und die gelieferte Dienstleistung findet keine Abnehmer. Nach der Interessenvertretung kommt die Lobbyarbeit. Also, leistet die Gewerkschaft eben Lobbyarbeit - auch für Nichtmitglieder als eine Art Kredit oder Investition, je nach Sichtweise.
Rieck gibt ein Beispiel: der Aufwachspuren auf Autobahnen! Der sei nur mit Unterstützung und Druck der Gewerkschaften in Schleswig-Holstein eingeführt worden. Unter der Überschrift Übermüdung tötet habe man in diesem Falle eine Lobbyarbeit geleistet, die auf jeden einzelnen Kraftfahrer wirkt, die aber außerhalb der Gewerkschaften nicht hätte formuliert werden können, weil die Interessen nicht organisiert und zusammengefasst gewesen sind. Da fahren also die Selbstständigen-Sub-Unternehmer, Spediteure, sich selbst ausbeutend über die Autobahn und werden wenigstens noch geweckt, bevor sie in den Graben fahren und Opfer werden. Die Situation ist denkbar undankbar, denn so wie es mir gelingt diesen Erfolg madig zu machen, so gibt es wohl kaum ein Feld in dem zu handeln wäre, ohne sich grundlegend und immerfort neu positionieren zu müssen als Interessenvertretung, meine ich.
Also, da steht die Gewerkschaft und will Gutes, aber das Gute verhallt im Klang verschlissener Ritsel. Rieck sagt, dass man vom konkreten Problem ausgehen würde, dass man Angebote machen möchte und dass man bereit wäre zu investieren: Zeit und - wenn ich es richtig verstanden habe - Geld.
Auf den fragmentarisierten Kleinst-Unternehmermarkt reagiert Ver.di mit Lobbyarbeit und mit Informationsmanagement. Man gründet Informationspools, bringt Leute zusammen, die sich fachspezifisch austauschen. Auf die Neoliberalisierung reagiert man eben neoliberal und schafft Werte oder sogar Mehrwerte. Als Anbieter gegen den technischen, sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt.
Eine andere Möglichkeit wäre ja zum Beispiel in Richtung der Kleinstunternehmer unflätige Worte zu rufen und ihnen zu wünschen, dass sie gegen Bäume fahren, damit sie am Beispiel lernen können, was es bedeutet, die unternehmerische Freiheit zu haben. Man könnte aber auch verwundert zur Kenntnis nehmen, dass trotz allem die Fahrradkuriere nicht am Walk for Capitalism teilgenommen haben und das sicher nicht nur weil es dort im Titel walk heißt. Aber ... ja, warum eigentlich nicht?
Lars-Uwe Rieck ist sich darüber im Klaren, dass noch viel zu tun ist, will man die sich-selbst-ausbeutenden-Massen organisieren, aber warum sollte man das überhaupt tun? Wie gesagt, nach der Interessenvertretung kommt die Lobbyarbeit und beides hat etwas mit Netzwerken zu tun und dekliniert unterschiedliche Gerade von Politisierung. Gut, dass die Kurierfahrer mehrheitlich einen hohen Bildungsgrad haben, denn die Situation ist komplex. Vielmehr, als dass die neoliberale Flexibilisierungsfalle wirklich eine ist, kann man nicht sagen. Rieck erzählt noch, dass man ab ca. 100 Personen eine Betriebsgruppe bilden könne, d.h. man wird infrastrukturell, finanziell und geistig bei dem Aufbau seitens Ver.di unterstützt und kann dann handeln.
Können das eigentlich auch Fahrradkuriere machen oder sind die in der bereits erwähnten ASU organisiert, was übersetzt in diesem Zusammenhang eben nicht Abgas-Sonder-Untersuchung, sondern Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer heißt?
Kann sich eine Gruppe gegen sich selbst organisieren oder anders: Warum eigentlich organisieren?
Wozu jedoch brauchen die Menschen, die doch Verstand besitzen, noch mehr Beweise, wenn selbst die Hunde zu verstehen scheinen, worum es geht: Sie bellen jeden an, der ihnen über den Weg läuft: Am Tage jeden Unbekannten, nachts aber alle Thomas Hobbes (1651)