
reflexion über das scheitern II - ein vortrag von armin chodzinski im rahmen der reihe go create resitance #03_16.03.03 im deutschen schauspiellhaus hamburg
Zu Beginn des Vortrages wird ein Ausschnitt aus einem Vortrag des amerikanische Motivationstrainer Brian Tracy mit dem Titel Erfolg ist erlernbar gezeigt. In dem Vortrag erzählt Tracy, das ein Schlüssel zum Erfolg darin besteht sich als Selbstständig und Wichtig zu begreifen. Das Video wird an der Stelle unterbrochen, als Tracy das Publikum fragt: Who is the most important person in this room?
Bei dem Thema Ökonomisierung des Alltags neige ich zu emotionalen Entgleisungen, neige ich dazu Lesarten voraus zu setzen, zu unterstellen, daraufhin zu polemisieren, zu schimpfen, zu verzweifeln, aggressiv zu werden, ungerecht zu sein. Aus diesem Grund gab man mir den Rat: Schreibe einen Text. Vielleicht nur fünf oder zehn Thesen und dann immer ein paar Sätze Erläuterungen, das hält sonst keiner aus und du sehr wahrscheinlich am aller wenigsten
Nun, so verzichte ich also auf den freien Vortrag, der eigentlich aber Teil der Geschichte oder des Themas wäre und lese ein paar vorformulierte Sätze ab. Eingerahmt von verschiedenen Artefakten, von zwei Videos eines war, eines wird zu sehen sein -, einer Tafel, einem Tisch und einer Leselampe inmitten eines Bühnenbildes, das wiederum den Hintergrund für ein Stück Theater bildet, das das Thema der TOTALEN ÖKONOMISIERUNG _ ich muss so schreien, denn es handelt sich um Theater_ behandelt.
Der Vortrag darf sogar staubtrocken sein, denn an diesem Abend gibt es ja sehr viel Circensisches, mit dem ich nicht mithalten kann und will und nicht brauche, denn schließlich bin ich
Gründungsmitglied des ZVK, des Zentrums für verkrampfte Kunst und das muss ja auch irgendwo sichtbar werden und wenn nicht hier, dann wo sonst?
1999 erhielt ich in meiner Funktion als Assistent der Geschäftsleitung eines Handelskonzerns den Auftrag ein Seminar zu testen, eine Empfehlung auszusprechen, ob oder ob nicht das mittlere Management des konservativen Unternehmens an einem Motivationsseminar teilnehmen solle.
Gerade war Brian Tracey dabei zu sehen, wie er in der Essener Grugahalle vor ca. 10.000 Menschen ein Motivationsseminar durchführt. Klaus Kobjoll, der Trainer, den ich zwecks Prüfung seines motivierenden Grades in einem Hotel namens Schinderhof in der Nähe von Nürnberg besuchte, trat auf eben demselben Event in Essen auch auf.
Kobjoll und Tracey haben denselben Sprachgestus, allerdings ist die Abscheu, das In-Frage-stellen Klaus Kobjolls einfacher, weil er reaktionär ist, ekelhaft aussieht, Mundgeruch hat und körperliches Unwohlsein hervorruft.
So einfach ist das alles aber nicht, als das man aus formalen Gründen die Auseinandersetzung beenden könnte und deshalb habe ich Brian Tracey gezeigt, der ein wenig an amerikanische Vorabendserien erinnert und der nicht unbedingt offensiv Angst oder Abscheu verbreitet, sondern auch Tiersendungen moderieren oder weitsichtig, kollegial und sozial handelnd, Chefchirug einer berühmte Fernsehklinik sein könnte.
Unternehmen in der Krise, bzw. das Unternehmen, in dem ich gearbeitet habe, fragte sich in seiner Krise, wie das _ beliebte, zeitgeistige Vokabel_ Steuer noch herum zu reißen sei und landete unweigerlich bei der Motivation der Mitarbeiter, bei dem sog. Mentalen Modell, welches dem Erfolg zu Grunde liegt. Nichts liegt näher als sich an die kleinen Stars der Motivation, an die erprobten Brandstifter des inneren Schweinehundes zu wenden und sehr viel Geld für ihre PREACH INNS auszugeben.
Es schien mir Sinn zu machen, meinen Vortrag mit der Motivation zu beginnen, denn so macht man es auch, wenn man in Lehrbüchern nachsieht und so hat es seit Jahren Erfolg und so wird die halbe Stunde, die wir miteinander verbringen nicht allzu eintönig, sie sind motiviert und wichtig ist ja schließlich, was Sie nachher tun, was sie tun, wenn sie diesen Raum hier wieder verlassen, also: WHO WANTS TO DOUBLE HIS INCOME?
Eigentlich sagt er ja alles richtige Sachen, da stimmt doch vieles was ich auch will...er ist aber einfach ein bisschen ... sagen wir .... unsympathisch... sagte neulich jemand aus dem Kulturumfeld, als ich ihm den eben gesehenen Ausschnitt zeigte.
Nun, so kann man das als Kulturschaffender wohl sehen.
Als Assistent der Geschäftsleitung und gleichsam als Künstler gab ich damals, meinem Chef, dem Geschäftsführer des Handelsunternehmens, den Rat, das es falsch und verantwortungslos wäre ein solches Seminar für die Mitarbeiter des Unternehmens zu buchen.
Als studierter Künstler ging ich Ende `98 in die Wirtschaft, nicht um Geld zu verdienen, sondern wie es das selbstvergessene, individualisierte und durch und durch symbolisch ökonomisierte Künstlerindividuum eben so tut um zu forschen, um künstlerisch zu handeln.
Zentraler Ansatzpunkt meinerseits war die Auffälligkeit, dass künstlerische Produktionsweisen zunehmend im Mittelpunkt einer zeitgeistigen Managementliteratur standen und ich mir die Frage stellte, ob und welche Auswirkungen dies wohl auf die künstlerische Praxis der KünstlerInnen hat.
Mit den Verlautbarungen, dass Manager Künstler werden müssen, dass Kreativität zum Imperativ wird und nicht zuletzt, dass die Identifikation mit dem Produkt und dem Weltbild des Unternehmens gefordert ist, konnte ich etwas anfangen.
In der Kunsthochschule wollten auch immer viele kreativ sein und einige sogar für die Kunst sterben und einige wollten sogar etwas bewirken oder verändern... der Ansatz war mir also vertraut.
Werke oder wie man die Dinge auch immer nennen will, die KünstlerInnen produzieren, schienen mir im Prinzip obsolet, und auf der Suche nach dem Ort, an dem Kunst noch irgendetwas wie Relevanz behauptet, lag und liegt es Nahe in ein Unternehmen zu gehen. Die Grundfrage war, was das denn noch soll mit der Kunst, ob es die noch gibt, ob irgendjemand die noch braucht oder was das denn eigentlich ist, mit der Kunst und mit den Unternehmen.
Ich habe nicht in einer Großstadt studiert, wo mir die Frage in DER TRENDBAR ZUM COOLEN KLUGSCHEISSER vielleicht anders hätte beantwortet werden können.
Das Gehen in ein Unternehmen beginnt mit einer Bewerbung: Sich als Künstler bewerben - auch wenn nur für einen Praktikumsplatz , bei einem Unternehmen und dann als Künstler angestellt werden und dann wissen, was es ist mit den Unternehmen und dann auch wissen, was es ist mit der Kunst und dann endlich wieder wissen, warum man damals Kunst als letzte Widerstandsbastion begriffen hatte.
Heute Abend geht es hier um das Thema Ökonomisierung des Alltags unter der Überschrift go create resistance...
Also noch einmal anders: Glaubt man daran und ich glaube daran das die Unterscheidung zwischen politischem und künstlerischem Widerstand darin besteht, dass der politische Widerstand sich auf Fragen der Umverteilung fokussiert und der künstlerische Widerstand eher Lebensmodelle bzw. entwürfe verhandelt und sich beide Widerstände in der Frage nach den Lebensbedingungen treffen, so erscheint es notwendig künstlerische Praxis innerhalb von Unternehmen fortzusetzen. PUNKT.
Seit die ganzheitliche Corporate Identity sich auf Unternehmungen auswirkt, seitdem Neoliberalismus blairistischen Zuschnitts Wettbewerb mit sozialem Handeln verbindet, seitdem die Produktionsmittel in Erstweltstaaten den Arbeitnehmern gehören und man die unendliche Ressource Kopf - oder wie man es immer nennen mag als Aspekt der Wertschöpfung begreift, seitdem werden in Unternehmen offensiver als je zuvor Lebensmodelle verhandelt:
SAP, der erweiterte Campus mit flachen Hierarchien als basisdemokratisches Modell;
Siemens, das kulturalisierte Unternehmen auf der Suche nach Kreativität und Innovation;
dm Drogeriemarkt, dessen Ziel die Arbeit an der sozialen Plastik ist
oder auch banaler Anna Albrecht, die Mutter der ALDI-Brüder, die sagt: Es ist traurig, aber je schlechter es den Leuten geht, desto besser geht es uns.
Das Unternehmen als Ort eines verhandelten oder definierten Lebensmodells ist ein guter Ort für diejenigen, die sich in diesem Modell wieder finden. Es bildet die Grundlage für vielerlei Veränderungen: Unternehmen werden sozial verantwortlich, ökologisch sauber, dienstleistungsorientiert ,modern. Wir leben im 21. Jahrhundert und jeder ist Kunde überall Werde Dein eigenes Unternehmen.
Wer sollte etwas dagegen haben, wenn Menschen sich bei ihrer Arbeit verwirklichen können. Wer kann ernsthaft etwas gegen das soziale Engagement wie ernst es auch immer gemeint sein mag von Unternehmen sagen?
Nach der New Economy befinden wir uns nun in der True Economy, Aufrichtigkeit, Mitleid und Nähe sind die Orte der Wertschöpfung. Die Welt ist nicht gemein, sie wird stetig besser. Wir leben in der ersten Welt. Die, die Zugang zu Unternehmen, zu organisatorischen Einheiten haben und in diesen effizient agieren, werden als Menschen wahrgenommen, weil Henry Ford Geschichte ist. Die Probleme verlagern sich....
1927 beschreibt Ford in seiner Autobiografie die Aufteilung der Tätigkeiten zur Herstellung des erfolgreichen Model T :...erforderlich sind 7882 verschiedene Arbeitsgänge. 949 Arbeitsgänge sind als Schwerarbeit zu bezeichnen und benötigen gesunde, kräftige Männer. 670 Arbeiten können von Beinlosen, 2637 von Einbeinigen, 2 von Armlosen, 715 von Einarmigen, 10 von Blinden verrichtet werden.
Diese Zeit ist vorbei, vollständige Gliedmaßen sind kaum noch ein Einstellungskriterium. Die Ausschlusskategorien sind andere aber die sind nicht eben gerechter Verteilt.
In Unternehmen werden also neben kulturalisierten Produkten, oder besser Brands, vor allem Lebensmodelle gehandelt und diese nicht im Sinne einer Marketingstrategie, sondern vielmehr im Sinne einer konkreten Organisationsstruktur, einer Alltagsrealität. Wenn dem so ist und es ist dem so, dann ist das Unternehmen ein Ort, an dem künstlerische Praxis notwendig ist bzw. praktiziert wird, nur eben meistenteils ohne Künstler, da die ja noch in ihren Ateliers sitzen und Bilder gegen den Krieg malen, die manchmal in den Fluren der Unternehmen aufgehängt werden. Dort macht man dann Eröffnungen oder Vernissagen, wie man sie nennt, auf die man Freunde einlädt, die dann mal gucken, wie das so ist mit der Kunst.
Ich ging also in ein Unternehmen, um keine Bilder in Flure zu hängen und machte dort Karriere, was nicht weiter wichtig ist, zumindest nicht heute in diesem Themenfeld. Ein Aspekt des Erfolges hätte beurteilt werden können, wäre ich nicht dem Ratschlag gefolgt dies aufzuschreiben und hätte anstelle dessen frei gesprochen und damit einen sog. Skill vorführen können. Und dann hätten Sie beurteilen können, dann hätten Sie mich beurteilen können und hätten sogar sagen können, das kann ich auch und das wäre dann gut gewesen, weil man das bei Kunst ja gerne sagt, wenn man nicht genau weiß, was man sagen soll und durch das AUCH-KÖNNEN, aber nicht SELBERMACHEN zum Ausdruck bringen will, das es Quatsch ist.
Aus dem Blickwinkel der künstlerischen Ausbildung hat man diesen leicht peinlichen Freiheitsbegriff und da der Zustand der Hochschulen durchaus den gesellschaftlichen Zustand widerspiegelt, gibt es dieses Wirrwarr an moralischen Kategorien, die sich im lauwarmen Sud der Kulturschaffenden wohlig vermehren und das Morphium werden, mit dem man es sich in seiner Existenz gemütlich macht und vielerlei aushält. Und deshalb ist der Weg in ein Unternehmen eben vor allem der Weg zum Klassenfeind, der Weg zum Sammler, der Weg zu dem, der Geld hat, aber leider keine Moral.
Ich kam aus der Hochschule, der kuscheligen Aufzuchtstation, deren Ziel es immer noch ist, Kampfmaschinen für den Turbokaitalismus Kunstmarkt zu produzieren. Einem Markt, in dem es keine Gesetze gibt, in dem nur der Stärkste überlebt, in dem das Kranke mindestens schon cool sein muss, will es akzeptiert werden. Ökonomisierung des Alltags hat in der Kunst eine Tradition, modellhaft in Szene gesetzt wird unter dem Deckmantel der Gemeinsamkeit der Kampf um das nackte Überleben geführt. Kaum ein sozialer Kontakt, der nicht unter Verwertungsaspekten zu lesen ist, kaum eine Idee die nicht mindestens strategisch verbreitet wird, kein Café, der nicht auch perspektivisch getrunken wird, kaum eine Veranstaltung, die nicht Referenzpunkt ist, kaum eine Handlung, die nicht trennen würde zwischen innen und außen. Kunst, die auf Existenzsicherung angelegt ist, kommt zumindest in der bildenden Kunst nicht ohne die Mikroökonmisierung der Gefühle aus. Und das wirklich Lustige am Ganzen ist, dass diese Existenzsicherung natürlich nie kommt, dass Sie eine Fatamorgana ist, dass es die Entscheidung für ein radikal abhängiges Verhältnis ist, in dem man noch nicht einmal kündigen kann, weil man eben nie angestellt wurde, in dem man nur seine Integrität oder Liebe handelt und die ja bekanntlich auch nur symbolisch ernährt, in dem man Dinge verkauft, die eigentlich als unverkäuflich gelten.
Da wird ein Produkt hergestellt oder ein soziales System gestaltet, das man selbst erfunden oder erarbeitet hat, für das man die Finanzierung sicherstellt und budgetiert, für das man das Marketing übernimmt, die Projektplanung entwirft, mit den Schnittstellen Produktions- und oder Ablaufdetails bespricht, die Präsentation, die Vermittlung entwirft oder strukturiert. Dort wird etwas gemacht, an das geglaubt wird, unter hohen existenziellen Belastungen wird, ohne Aussicht auf soziale, monetäre oder sonst welche Anerkennung, mit Hilfe von radikaler Selbstausbeutung und verschmelzender Identifikation etwas hergestellt, sei es ein Bild, eine Idee oder sonst etwas.
Wir produzieren für und innerhalb unserer Peer-Groups und die haben kein Geld, die machen nur die Tagesordnung und sehen gut aus mit ihren Brillen, ihren interessanten Getränken und ihrer ambitionierten Musik.
KünstlerInnen sind Idealtypen eines neoliberalen Systems: Rennpferde, die nicht auf die Rennbahn wollen, sondern sich selber leid tun. Einzig die Moral wird für sich in Anspruch genommen, so verworren sie auch sein mag.
Es ist Krieg und auf den Schlachtfeldern der Menschlichkeit nimmt der moralische Künstler die Moral, wenigstens die Moral, für sich in Anspruch, während er den nächsten Kontakt knüpft.
Auch 20 Jahre Bourdieu konnten nicht verhindern, dass sich hier immer noch welche außerhalb von irgendetwas fühlen auch wenn das Gegenteil inflationär behauptet wird. Ökonomisierung des Alltags meint heute eben auch Kulturalisierung des Alltags - und das ist wirklich ein Horrorszenario.
Ein Unternehmen der sog. Old Economy nimmt sich hiergegen wir ein Sanatorium aus. Dort wo ich arbeitete, gab es zum Beispiel Kollegen. Der Begriff Kollegen definiert ein bestimmtes ungeschriebenes Regelwerk, das, wenn man es bricht, bestimmte solidarische Folgen und Mechanismen nach sich zieht. Von einem Betriebsverfassungsgesetz, das denen zugänglich ist, die Pässe und Aufenthaltsgenehmigungen vorweisen können, will ich gar nicht reden. Dieses System löst sich langsam auf, da wir hörten Brian Tracey zu Beginn eben jeder in einem kulturaliserten Sinne selbstständig sein soll.
HOW MANY OF YOU ARE SELFEMPLOYED? Selbstständigkeit hat keine Kollegen, Selbstständigkeit hat Konkurrenz
Die Trennung zwischen beruflich und privat hilft die Zwischenmenschlichkeit in Reservaten des Alltags lebendig zu lassen. Selbst der Hang zum Titti-Entertainment, zum Konsum als Substitut der Freizeitbeschäftigung gibt dem Individuum immerhin noch die Möglichkeit, in überschaubaren meist familiären Strukturen eigene Regeln aufzustellen.
Die momentanen Luxusprobleme in Westeuropa haben ihre Grundlage darin, dass die bisherigen sozialen Sicherungssysteme ans Ende gekommen sind. Das herumdoktern am Kündigungsschutz, an der Arbeitslosenhilfe, an der Krankenversicherung ist nichts anderes als ein Scheingefecht, das über die grundlegende Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Neuorientierung hinwegtäuscht. Der vorherrschende Gestus der Detailveränderungen produziert nichts anderes als jenes Szenario, das wir seit Jahren in Deutschland und insbesondere in Hamburg spüren: Vorhandene Mittel werden eben nicht für die Wohlfahrt, sondern für die Aufrüstung der Polizei und der Kontrollorgane ausgegeben, deren Aufgabe es ist, das System an das niemand mehr glauben kann aufrecht zu erhalten.
Das ist hier alles am Ende. Es gibt kein Diskutieren mehr. Diskutieren kann man nur, wer als erster die Nerven verlieren wird. Die Wettbüros sind geöffnet.
1963 forderte der Sozialökonom Robert Theobald, auch nicht als Erster, die Auflösung der traditionellen Verknüpfung zwischen Einkommen und Arbeit als logische Konsequenz einer sich andeutenden 3. Stufe der Industriellen Revolution, die mit der Mikroelektronischen Revolution seit den siebziger Jahren noch beschleunigt wurde. Selbst Milton Friedmann, dem man als Ökonom und Berater Ronald Reagans nicht übermäßiges soziales Bewusstsein unterstellen kann, plädierte letztmalig 1987 für die stufenweise Einführung eines Mindesteinkommens.
Hört doch endlich alle auf zu arbeiten.
Wenn nun aber ein kulturalisiertes System gar kein soziales Sicherungssystem will, weil sich hier Kreativität den Weg schon selbst bahnen wird und dabei stetig Neues und Stars produziert, scheint es doch vordergründig logisch die Gesellschaft zu kulturalisieren, bevor man sie grundlegend verändert. Kultur braucht Konkurrenz und keine Kollegen, das sagen viele, vor allem Künstler.
Das Horrorszenario Kulturalisierung der Alltags ist deshalb eines, weil es ausschließlich aus Imperativen besteht:
Gesundheit nur wer gesund ist und in der Lage den täglichen Überlebenskampf zu führen, kommt weiter; Krankheit bedeutet Ausschluss.
Kreativität nur wer Ideen besitzt, wer fortwährend das Neue oder das Andere sucht, kann bestehen, da das Gewohnte nicht gefordert ist.
Sozialkompetenz nur wer schlau genug ist auf verschiedenen inhaltlichen oder formalen Klaviaturen zu spielen, findet Akzeptanz.
Flexibilität nur wer bereit ist soziale Systeme als temporär, ersetzbar, austauschbar zu begreifen, kann mit den Anforderungen des Marktes mithalten.
Kommunikation nur wer verbal dazu in der Lage ist sich selbst zu repräsentieren, kommunikativ Netzwerke zu entfalten, kann überleben.
Diese Kategorien, und dies ist lediglich eine Auswahl, sind Ausschlusskategorien und Ausschlusskategorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie eben gerade nicht solidarisch funktionieren.
Betriebsverfassungsgesetze haben keinen Bestand mehr.
Ein klassisches Handelsunternehmen, in welchem ich gearbeitet habe, ist letztlich eine Art Schutzraum, der sich aufzulösen beginnt - denn auch hier ist Arbeit eine endliche Ressource. Die Mangelware wird unter denen verteilt, die genug Ideen haben sie noch weiter zu reduzieren. KünstlerInnen müssen in die Unternehmen.
KünstlerInnen sind nie arbeitslos und diese Aussage half mir auch innerhalb des Unternehmens angstfrei zu agieren, denn mein Job war ein anderer.
An der Tafel steht es geschrieben:
Jeder muss von seiner Arbeit leben können, heißt der Grundsatz. Das Lebenkönnen ist sonach durch die Arbeit bedingt, und es gibt kein solches Recht, wo die Bedingung nicht erfüllt, so steht es in den Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, die Johann Gottlieb Fichte 1797 verfasste. Noch immer gilt dies Prinzip, noch immer ist es dieses Prinzip, das unser Denken beherrscht und uns schon mindestens Künstler sein lassen muss, damit wir rechtfertigen können, warum wir essen, obwohl wir nicht arbeiten. Es gibt nach und mit Fichte keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Erwerbsarbeit und soweit sind wir noch nicht.
Auch die 1000enden Verlierer der New Economy sind im Vorteil gegenüber Ihrer Elterngeneration, sind sie doch auch nicht arbeitslos, sondern jobsuchend oder selbstständig oder arbeiten mal hier und da. Der Begriff der prekären Arbeitsverhältnisse ist für eine bestimmte Gruppe von Menschen eben doch auch eine Chance zu essen. In nicht kreativen, in nicht kulturalisierten und in nicht neoliberaliserten Arbeitsverhältnissen wird man noch arbeitslos und hat man damit noch ein Problem, aber die sind eben selber schuld, sie könnten ja auch - zumindest definitorisch - flexibler sein.
Dies ist nicht abstrakt, sondern ganz konkret.
Die polizeistaatliche Offensive, die offensive Ausbreitung einer Repräsentationskultur, die Einengung und Beschneidung auf der Straße - um nicht öffentlicher Raum sagen zu müssen und sich zu fragen, ob es den denn noch gibt -, der Sozialabbau, das Einziehen von neuen Kontrollinstanzen... sind genauso, wie die Frage ob man einen Pass hat oder nicht, Zuckungen eines kollabierenden Systems, das dank der Kreativität und der konstruierten Idee der Durchlässigkeit für Passbesitzer am Leben gehalten wird. Nationalstaatlichkeit ist eben auch nur ein Aspekt der Liebe zur Arbeit.
Der individuelle Überlebenskampf generiert in dem sich auflösenden Arbeitsmodell ethnisch, nationale Kriterien.
Ich ging also in die Wirtschaft, um dem Klassenfeind auf die Finger zu sehen und entdeckte mich selbst als Klassenfeind. Die Verwobenheit, das Teil des Ganzen sein, ist eben doch grundsätzlicher, als man denken möchte. Affirmation scheint eine Widerstandskategorie zu sein oder eben auch nicht.
Eine Fallstudie ist es vielleicht nicht geworden, mehr ein Fallbeispiel und so bin ich nicht in der Lage zehn Thesen mit ein paar Erläuterungen zu formulieren, leider!
Und trotzdem möchte ich zu dem Titel go create resistance, der ja zumindest an diesen Abenden auch eine Frage ist, eine mögliche Antwort beisteuern. Und vielleicht können Sie jetzt, so Sie es nicht schon getan haben, die kleinen Beutel, die sie kostenfrei am Eingang erhielten öffnen und gemeinsam singen.