Guten Tag, ich bin ihr Begleiter durch den Abend, der Conférencier, wie die Älteren mich sicher gerne nennen wollen würden,- der Anchormann für die sozial liberale Zielgruppe mit Hang zur Mitte, die täglich neu, zumindest nicht alt oder traditionell, konturiert oder terminiert ist,- der Entertainer im Hinblick auf den amerikanischen Versuch Jaques Brel und Gilbert Becaud in der neuen Welt nachzuahmen und damit für die eher globalorientierte Gruppe von Hedonisten, die das Twenalter zwar noch im aktiven Gedächtnis, aber nicht mehr im Personalausweis tragen,- der Ansager für die Zielgruppe, die gerne hören, was gesagt wird und die Hoffnung auf Unterhaltungswert bereits vor längerem aufgegeben haben,- der Sprecher für die sprachlosen, die Worte saugen wie Krümel von einer Tischdecke. Ich bin ihr Begleiter, jemand der sich das Recht nimmt, sie ungefragt zu begleiten, zu verfolgen, zu führen, hinzuweisen und dies nicht unbedingt gerne tut zumindest nicht immer, gerade im Moment eigentlich schon, aber die Scham es zu tun, es gut zu finden, verfolgt ein anderes Ziel. Mein Ziel ist ein anderes, ich habe ein anderes Vorgehen, mein Vorgehen ist eher, wenn sie es so wollen und auch auf die Gefahr, dass nicht jeder gleich versteht, mein Vorgehen ist... Nennen wir es ruhig beim, Namen, beim zeitgenössischen Schopfe nehmen wir es und bezeichnen es frank und frei - selbstverständlich fast so als gebe es kein Gegenargument, keine Diskussion, keinen Diskurs, keine Auseinandersetzung auf allen Ebenen des facettenreichen Denkens einer ganzen Generation - mein Vorgehen ist eher groovy...
"Dies ist die moderne Welt und die Welt tanzt den Paprikafox" - eine gute, eine schöne Erinnerung an das, was mich in meiner Jugend, in der Zeit da ich noch nicht auf Bühnen stand, begleitet hat.
Ich möchte Ihnen das kurz skizzieren:
Ich saß auf dem Stuhl in diesem spartanisch eingerichteten Büro weiß gestrichen, geschmackvoll, wie man es nennen mag, wenn man die opulente hanseatische Zurückhaltung als geschmackvoll begreifen will -, Reichtum im Detail, der mit der Reduzierung auf das Wesentliche spielt. "Was ist das Wesentliche?", habe ich mich die ganze Zeit gefragt, als ich dort auf diesem Stuhl saß, der mir irgendwie bekannt vorkam. Katalog, Museum, Zeitung, Kneipe... ich weiß nicht, wo ich ihn schon mal gesehen habe - einzig das ungute Gefühl, das ich mit diesem Möbel verband, war deutlich spürbar. Dies Gefühl, das die bohrende Frage stellen lässt: "Bin ich richtig gekleidet, bin ich unauffällig genug, bin ich im Detail präzise?" Na klar war ich es, denn ich bin schließlich der Antragsteller, der mit den Ideen, der mit der Vision ein neuen, einer bunten Zukunft, einem Identifikationsmodell, einem Ideal und einem sozialen Gewissen.Sehr verehrtes Publikum, Zuhörer, Gaffer und Idioten sie werden es glauben, dass die Situation eines Antragstellers etwas Deprimierendes und Erotisches zugleich ist. Ohne Antrag ist das Gegenüber arbeitslos, ziel- und hilflos. Ohne positive Entsprechung des Antrages ist der Antragsteller zwar in seinem Ziel, aber nicht in seiner Profession gebremst. Seine Idee des Antragstellens ist Inhalt des Dasein, ist Ziel und Leidenschaft seines Fortkommens.
Und nun die erste musikalische Einlage, die alles auf den Punkt bringt, die präzise das System benutzt, es benutzt, um es gegen sich selbst zu wenden.
Und nun begrüßen Sie gemeinsam mit mir voller missgünstiger Gewogenheit und apathischer Erwartungshaltung: Britta Speer mit Ihren heavy Rotation MTV Superhit: i wanna be daylight in their eyes.Also, ich saß in diesem ledernen Sessel, Stuhl oder wie man dies auch immer nennen möchte und wartete auf den Mann, der meine Idee goutieren sollte, der mir den Sprung in die Selbstständigkeit ermöglichen konnte und sollte. Besser gesagt war nicht die Selbstständigkeit mein Ziel, sondern die Abhängigkeiten. Erwerbstätige sollten mich zum Essen einladen, voller devoter Gastlichkeit mich empfangen und sich merken, welcher Aperitif meine Wertschätzung erhält.
Sehr geehrte Damen und Herren, gibt es etwas Angenehmeres, als die Zerrissenheit des Selbst mit Verantwortung zu kompensieren? Ich glaube nicht. Guten Abend, guten Tag, Hallo und Auf Wiedersehen.Das Ziel des Treffens war uns beiden bekannt, wir kamen schnell zur Sache und aus der Sache wurde ein Ding und aus dem Ding wurde ein Bild und aus dem Bild wurde eine Idee und aus der Idee wurde eine Erkenntnis und aus der Erkenntnis wurde kein Handeln, sondern ein nächster Termin, eine nächste Verabredung, ein nächstes Mal. Bis dann, wir sprechen, wir werden uns treffen, wir telefonieren zwischendrin noch mal. Hat mir gefallen mit Ihnen, hat Spaß gemacht, danke, bitte, bitte, danke, danke, bis dann, wie geht's?
Und gerade habe ich mit ihm telefoniert, habe nochmals und wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass ich einen anderen Weg verfolge. Ich bin auf seiner Seite, denn seine Seite ist meine Seite. Das ist sicher richtig und auch seinerseits kein Missverstehen meiner Person und meines Charakters, aber ich verfolge einen anderen Weg. Man redet mir die Funktionsweise meines Gewissens auch nicht aus, mein Gefühl zu mir ist o.k., nicht im Sinne von du bist o.k., ich bin o.k., nein: mein Gefühl zu mir ist o.k.
Es tut mir dann doch aber immer wieder Leid, wenn die Worte, die ich wähle, allzu wenig Enthusiasmus oder Verstehen zeigen. Ich verstehe nicht, dass ist nicht gespielt, das ist wirklich so. Ich verstehe nicht was gesagt wird. Ich verstehe die Langsamkeit nicht. Ich verstehe die Entscheidungen, die getroffen werden nicht. Ich verstehe es nicht, ganz einfach - ich weiß nicht, was er mir eigentlich sagen will und vor allem warum. Viele Dinge werden mir mehrmals erzählt. Der gleiche Impetus, die gleiche Betonung, die gleiche Stimmlage. Ich erkenne, dass es mir schon mal erzählt wurde. Schon an dem Rhythmus des Atems, der eingezogen wird, bin ich in der Lage zu erkennen, wann und in welchem Zusammenhang ich das Folgende bereits gehört habe.
Lass es uns ausprobieren, lass uns ein kleines Exempel statuieren und hier gemeinsam auf die Bühne treten, den Rand der Bühne suchen. Du holst dann Luft und ich sage, was du dann sagen willst und ob ich es schon kenne oder nicht. Wie gesagt, ich verfolge einen anderen Weg, das ist nicht mein Weg, mein Weg ist eher - sagen wir groovy...Es wird Zeit für die nächste kleine Einlage, für das nächste kurzweilige Erlebnis, das Ihnen die Zeit an diesem Ort vertreiben soll: Mondai Konutasu wird nun gemeinsam mit Ihnen atmen. Bitte spenden Sie keinen Applaus und begrüßen sie lautlos und gemeinsam mit mir: Mondai Konutasu!
Also sehr geehrte Damen und Herren, Sie werden ein Stück weit Verständnis für meine Situation aufbringen können, nachdem Sie das Gehörte in sich verarbeitet und atmend durchdacht haben. Sie werden verstehen, dass ich nicht anders konnte und auch jetzt nicht anders kann, gerade jetzt im Moment nicht anders kann, als abzuwarten. Und dann war da dieser Mann mit Rollkragenpullover. So ein baumwollener Rollkragen, der vom Träger burschikos Roll genannt wird. Dünn im Stoff und grün in der Farbe, darüber relativ locker und leger - ein braun grüner Wildleder-Blouson, der die 80er Jahre überstanden hat und nun langsam wieder modern wird. Abgerundet wird das Bild durch die beulige braune Stoffhose mit Abnähern an der Seite, mit Umschlag versteht sich. Die Schuhe erinnere ich nicht mehr, nur noch sein rundes rotes Gesicht, kaum Haare auf dem Kopf, aber doch eine recht stattliche Anzahl auf der Oberlippe. Als er zu seinem Handy griff, das sich bereits vorher in der Hosentasche abgezeichnet hatte, fiel mir erst auf, wie gut diese orange-silberne Papiertüte zu ihm passte. Siemens - be inspired Signalorange auf Silber, eine spiegelnde Papiertüte mit dem zeitgenössischen Aufruf, sich inspirieren zu lassen. Inspirieren lassen ist gut, aber für was...?
Und dann ist da diese Beziehung zwischen dem Castor-Transport und den Start-Ups der New Economy. Wenn die Start-Ups mit müden Ideen siebenstellige Beträge Venture Capital verbrennen und dann im Anschluss Verträge von Beratungsfirmen angeboten bekommen, dann ist das ein Teil einer neuen Ökonomie, die vielleicht gar nicht so neu ist und die erfolgreich ist, weil das Scheitern als Potential für Erfahrung stetig an Bedeutung gewinnt. "Positive und Negative Erfahrungen sind immer noch Erfahrungen und bringen total was...", sagte gestern dieser unangenehme quoten-farbige Rastalocken-Mann im Big Brother Haus. Man nimmt ihm das nicht mal übel, sondern sitzt nur fassungslos vor dem Bildschirm und versteht, warum der Bildschirm auch gerne als Mattscheibe bezeichnet wird.
Die sechzehnjährige junge Dame mit dem Wollpullover, die sich entgegen des väterlichen Wunsches an den Gleisen des Castor Transportes einbetonieren lässt, wird sehr wahrscheinlich auch lukrative Angebote aus der Wirtschaft erhalten und soetwas wie Karriere machen. Dem Grundprinzip der New Economy folgend, hat auch sie Geld verbrannt. Die Vernichtung des Geldes als Potential einer besseren Welt. Vernichte Geld und erkenne die Komplexität des ökonomischen Individuums. Der Heroe der neuen Gesellschaft heißt Christoph, lebt in Berlin und macht viele crazy Sachen, um aufzufallen, eine andere Welt zu beschwören und dabei das alte mit neuen Scheinwerfern auszustatten.Sehr verehrte Gäste, ich werde diese Veranstaltung sofort abbrechen, sofort werde ich diese Feier verlassen. Ich lehne es ab hier weiterzumachen. Ich sehe in Ihre erstaunten Gesichter, aber es reicht, ich bin nicht mehr bereit mich an dieser Sache zu beteiligen. Ich bin definitiv nicht bereit auch nur noch ein Wort mit Ihnen oder irgendjemanden zu sprechen. Ich bin fertig. Es ist gut jetzt. Schluss. Nicht noch mal. Cut.
Legen Sie sich zurück und lauschen Sie dem Hannoveraner und Berliner und New Yorker und Londoner Rock`n`Roll, mein Weg ist ein anderer, definitiv ein anderer, mein weg ist - wie sagt man auf deutsch - mein weg ist eher groovy!