Sie haben eine Reihe von Bibliographien angefertigt. Bibliographieren heißt strukturieren, auswählen und zusammenstellen, alles Tätigkeiten, die sehr zeitintensiv sind. Welche Relevanz haben diese Aspekte für Sie?
Als ehemaliger Klosterschüler geht es mir auch heute noch im wesentlichen um zwei Dinge: Kontemplation und Handeln. Aber nicht Kontemplation um der Kontemplation willen, sondern mir ist es wichtig, ein Ergebnis zu haben. Das Bibliographieren bietet hierbei verschiedene Möglichkeiten: Zunächst kann man am Anfang sehr viel Zeit in großen Räumen, in Bibliotheken, verbringen. Dies sind Orte, an denen man kleine Karteikarten voll schreibt und die Bücher in die Hand nimmt. Ich habe immer so bibliographiert, dass man von einem Buch zu dem nächsten kommt, d.h. jedes einzelne Buch bestellen und in die Hand nehmen. Das ganze Zeugs, meine Bibliographien beispielsweise über Engel, Automatenmenschen, Installationen oder Verbrechen habe ich auf diese Weise erarbeitet.
Früher, als ich noch keinen Job hatte, habe ich das Bibliographieren als Dienstleistung angeboten; pro Titel `ne Mark, Thema egal: "Die Architektur der Stadt Gelsenkirchen" und solche Sachen.
Es ging dabei um das Nicht-Schreiben-Müssen, um die Vermeidung eigener Kreativität; weniger selbst zu handeln, als vielmehr in gewisser Weise vorzutäuschen: Man fängt mit einem Buch an, bringt dadurch einen Stein ins Rollen und macht weiter bis es nicht mehr geht. Im Anschluss muss man das Ganze dann alphabetisieren, zusammenschreiben u.s.w., was Wochen und Monate dauern kann, man kann dabei allerdings Musik hören. Das ist dann die Heimarbeit, bei der ich dann meine ganzen Bach-CDs runterjubeln kann. Das gibt dann eine äußerst konzentrierte Stimmung und nach acht bis zehn Stunden so kleine Flashs. Diese Arbeit hat für mich etwas sehr künstlerisches. Ich denke auch, dass die Anfertigung von Buch-Abschriften, wie sie von den Mönchen früher gefertigt wurden, etwas künstlerisches war.
Ich habe gerade die Einleitung zu meinem neuen Buch "Üben" geschrieben, in dem ich die drei Heroen der Moderne Beckett, Cage und Duchamp als Schachspieler vorführe. Schachspielen ist vielleicht etwas ähnliches: Man lässt Zeit vergehen und wird durch definierte Züge oder durch den Gegenspieler in das Handeln gebracht. Es hat auch diesen Effekt, den große Konzentration mit sich bringt, und hinterher ein Ergebnis: Einer hat gewonnen.Beim Schachspiel ist Auswahl das Entscheidende. Sicher sind alle Züge vorgegeben, aber welcher wird wann vollzogen?
Die Auswahl treffe ich. Ein Beispiel: es gibt so wahnsinnig viel Schrott zum Thema Engel. Der ganze Katholizismus hat Engelbücher hervorgebracht, die man vergessen kann, weil sie reine Erbauungsschriften sind. Es gibt aber gute Engelbücher zum Beispiel von Kommunisten oder Strukturalisten. Bei der Anfertigung einer Bibliographie zu diesem Thema ist dies genau der eigentlich spannende Punkt: Man muss sich durch das Dickicht, durch das merkwürdige Wissen der Jahrhunderte hindurch schlagen.
Das heißt, Sie lesen wirklich jedes Buch ?
Bei einigen Büchern kennt man mit der Zeit die Autoren, bei anderen liest man ein bisschen und weiß sehr schnell, was darin passiert. Ich begreife mich als Dienstleister. Meine Idee ist, dass die Leute meine Bibliographien in die Finger bekommen und an einem bestimmten Punkt weiter forschen. Heute ist Bibliographieren ziemlich out, weshalb es in meinen Bibliographien immer einen Titel gibt, der nicht existiert. Wenn ich bei anderen wissenschaftlichen Arbeiten gleichen Themas diesen falschen Titel finde, weiß ich, dass hier die Bücher nicht alle in die Hand genommen wurden.
Heute ist es wichtiger denn je, sich zu positionieren, d.h. sich in einen Zusammenhang zu stellen. Bei Texten findet man den gewünschten Zusammenhang in der Bibliografie.
Ja, ich fange immer hinten an zu lesen.
Durch Ihre Arbeit stellen Sie doch eigentlich ein geprüftes Referenzsystem zur Verfügung. Ich kann mir die genehmen Autoren aus dem Katalog heraussuchen und brauche dafür das Thema nicht mehr zu durchdringen, obgleich ich mich in einen ganz bestimmten Zusammenhang stellen kann. Die Grundlage hierfür zu legen hat doch ein wenig mit Macht zu tun, spielt dies für Sie eine Rolle?
Die Machtposition eigentlich weniger. Es gibt bei mir die Bibliographie in Reinform, d.h. ohne einen Text davor. Das hat mit Macht wenig zu tun, sondern lediglich mit Informationen und Chaos. Es gibt kein besseres System, um Chaos zu erzeugen, als das Alphabet. Bring etwas in eine alphabetische Ordnung und schon hast du das totale Chaos! Und genau an diesem Chaos liegt mir etwas.
Sie präsentieren in einer Wanderausstellung Künstlerbücher in Vitrinen. Die Bücher sind ebenfalls alphabetisch sortiert, zum Teil sind die Exemplare
aufgeschlagen. Bestimmte Seiten sind präsentiert, bei anderen sieht man nur das Cover oder den Buchrücken. Sie treffen eine Auswahl, Sie geben dem Betrachter eine Blickrichtung, der Betrachter kann die Bücher nicht in die Hand nehmen...Ich kann das nicht mehr hören, dass die Leute immer sofort sagen: "Ich muss das aber in die Hand nehmen..." Wieso? Die Ausstellung ist genauso wie Bibliographie: Man muss in die Bibliothek gehen, da kann man dann die Bücher anfassen. Es muss nicht immer alles bedienerfreundlich und wohlfeil angeboten werden. Für mich ist das Denken in Umwegen viel wichtiger. Mein Leitbuch ist "Die Kunst des Handelns" von Michel Certeau. Da wird ganz deutlich beschrieben, wie wichtig es beispielsweise ist, sich gehend vorwärts zu bewegen, weil allein dieser Akt schon Eindrücke er0nmöglicht, die einen vom gradlinigen Weg abbringen können. Diese Art von Umwegen sind interessant.
Ich bin noch bei der Präsentationsform unter dem Aspekt der Installation. In Ihren Ausstellungen ist das Kompositionsgesetz das Alphabet, dessen Struktur ein Bild erzeugt. Nun will man mit einem Bild nicht nur die Dinge an sich zeigen, sondern eben auch etwas, das über sie hinaus zeigt und erst in der Kombination, in der Präsentation sichtbar wird. Was wollen Sie erzählen? Sie benutzen ein ganzes Referenzsystem von künstlerischen Arbeiten, aber es gibt eben auch das Bild als Ganzes.
Natürlich besitzen die Künstlerbücher ein Referenzsystem untereinander. Wenn man sich mit Künstlerbüchern beschäftigt, stellt man fest, dass seit den sechziger Jahren eigentlich alles von Dieter Roth ausgeht. Das System Dieter Roth, wie ich es nennen möchte, besteht darin, dass Qualität eigentlich nicht mehr zählt. Es ist nicht mehr die Aufgabe Qualität, sondern vielmehr Quantität zu erzeugen - die Leute auf eine merkwürdige, vielleicht elitäre Weise zu überschütten, um deutlich zu machen, was es alles gibt. Auf diese Weise wird die eigenartige Beschränktheit, die der Kapitalismus im Hinblick auf Konsum, eben auf eindeutig Fixiertes und Klares, erzeugt hat, wieder aufgedröselt. Worauf der Kapitalismus setzt, ist Qualität: Unser Produkt muss qualitätvoll sein. Auf Qualität ist geschissen! Wenn ein Apparat kaputt ist - und das zeigt Dieter Roth ganz deutlich - bekommt er einen anderen Wert, geht in eine völlig andere Seinsform über. Man kann mit kaputten Apparaten ganz wunderbare Sachen machen. So sehe ich das auch mit den Bibliographien: Die Diskurse, die heute ablaufen, sind meines Erachtens absolut beschränkte, eindimensionale Diskurse, die nichts anderes tun als Dinge, die andere schon einmal behauptet haben, noch einmal nach zu kauen. Diese ganze Gender-Geschichte zum Beispiel ist nach einem hochinteressanten Start etwa mit Judith Butler mittlerweile ein reichlich überflüssiger Diskurs, weil nur in Variationen gesagt wird, dass sich unser Geschlecht in unserem Körper verkörpert. Da gibt es immer nur Verkörperung, von morgens bis abends Verkörperung - das ist doch aber allen klar. Die Frage, die man sich eigentlich stellen muss, ist doch: Wo entkörperlicht sich denn mal etwas? Entkörpern tut sich zum Beispiel etwas in der Masse, in der Quantität. Und entkörpern tut sich etwas in jener Kontemplation, die man erreicht, wenn man versucht in die Masse einzudringen, eine Bresche in die Masse zu schlagen.
Ist diese Bresche, die man sich durch die Masse schlägt, eine Möglichkeit Neues oder Anderes zu entdecken?
Das Neue ist gar nicht interessant, viel interessanter ist das Mögliche. Heute in der Kunst etwas Neues machen zu wollen, ist absolut hirnrissig. Interessanter ist es doch, etwas möglich zu machen, ein anderes Denken möglich zu machen, sich selbst etwas anderes zu ermöglichen; das eigene Denken in einen Freiraum zu bringen und sich nicht wieder durch irgendwelche Tricks einfangen zu lassen - die Tricks der Gesellschaft sind sehr subtil: Kunstpreise, Professuren...
Das sind Tricks, bei denen man letzten Endes eigentlich versucht, die ganze Geschichte kaputt zu machen. Man setzt doch gerade auf das Neue und versucht die Produktion durch Kunstpreise zu fördern, Innovationen herzustellen. Innovation ist ein rein kapitalistisch geprägter Begriff. Der ganze Markt funktioniert nur, weil permanent etwas Neues geschaffen wird. Daher kommt ja auch diese Verkrampfung, die dazu führt, dass keiner mehr einfach zu Hause sitzt und ersteinmal macht.Wenn man also einen Kunstpreis vergeben wollen würde, dann dafür, dass jemand überhaupt in der Lage ist, etwas zu tun und nicht auf der Strasse Hektik verbreitet?
Ja, weil man ein sympathischer Zeitgenosse ist, der das Ganze aushält.
Sie sind also am Handeln an sich interessiert?
Ja, die zentrale Frage ist doch: Wie kriege ich meine Zeit rum? Wie lasse ich Zeit vergehen?
Für mich gibt es eine Droge, die Musik und eine weitere Droge: lesen, lesen, lesen. Aber auch hierbei geht es wieder um Quantität. Es ist nicht die Frage, was man lesen soll: Alles muss man lesen! Alles. was man irgendwie zwischen die Finger kriegt, muss man lesen und endlich damit aufhören zu fragen, ob es einem etwas nützt. Alles ist klasse. Das einzig Doofe dabei sind lediglich die Leute, die einen andauernd dabei stören, alles klasse zu finden.
Ob ich einen Krimi lese oder Samuel Beckett - interessiert mich alles. Wieder geht es darum alles zu verbinden, wobei ich kein Kulturwissenschaftler sein möchte. Ich meine schon immer noch Bilder.
Michael Glasmeier, geb. 1951 in Bochum, Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher, Publizist, Mitherausgeber der Fundus Bücher zur Kunst, lehrt z.Z. Kunstwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, lebt in Berlin und Wien
Veröffentlichungen u.a.
Üben. Essays zur Kunst. Köln 2000
Samuel Beckett: Das Gleiche nochmal anders. Texte zur Bildenden Kunst, Frankfurt a.M. 2000 (Herausgeber mit Gaby Hartel)
Samuel Beckett Bruce Nauman. Kunsthalle Wien, 2000 (Mitherausgeber)
Private Eye. Crimes & Cases. Haus am Waldsee, Berlin 1999 (Herausgeber)
Vergessen. Jahrbuch der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Köln 1997 (Herausgeber)
Die Bücher der Künstler. Publikationen und Editionen seit den sechziger Jahren in Deutschland. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1994
Periphere Museen in Berlin. Berlin 1992 (Herausgeber)
Broken Music. Artists` Recordworks. gelbe musik, Berlin 1994 (mit Ursula Block)
Buchstäblich wörtlich...Eine Sammlung konkreter und visueller Poesie der sechziger Jahre in der Nationalgalerie Berlin. Berlin 1987
Karl Valentin. Der Komiker und die Künste. München, Wien 1987
das interview führte a.chod im