"Weil ich nicht so schlau
bin wie all die Ideologen und Theoretiker, muß ich es einfach sagen
und machen." erklärte Steve Stevaert der Presse im Sommer 1997 als
er, weil es ihm als Bürgermeister einer kleinen belgischen Stadt an
Geld fehlte, beschloss die Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel
abzuschaffen. Ich war zum wiederholten Male in Rechtfertigungsdruck geraten,
mußte zum x-ten Mal erklären warum und wieso . Das Lesen dieses
Artikels half mir irgendwie aus der Klemme.
Als ich mein erstes Büro in der
Kunstakademie baute - mit Stechuhr, genauem Arbeitszeitplan, Ablagekästen,
etc. - war ich mir sicher, dass mich meine protestantische Arbeitsethik,
das meine Sozialisation und nicht zuletzt Max Weber davon abhalten werden,
das zu tun, was man denn so tut an einer Kunstakademie. Was immer das auch
ist. Wenn man sich mit Kunst und Ökonomie beschäftigt und dabei
weniger als Theoretiker arbeitet - sicher ich habe eine marxistische Karriere
als Schulkommunist hinter mir - , sondern vielmehr aus der eigenen Befindlichkeit
heraus, hat man es schwer. Es sind nicht die Fragen, die es, von anderen
gestellt, zu beantworten gilt, vielmehr ist es die Sicht der Umwelt auf
einen selbst. Dinge werden kompliziert, weil kaum jemand glaubt, das sie
so einfach gemeint sind, wie man sie denn verstanden haben will.
Was kann ich heute als Künstler
überhaupt noch tun oder anders: gibt es heute überhaupt noch
Künstler? Wie an zentralen Punkten der Gesellschaft arbeiten, wenn
nicht mehr ganz klar ist wo diese zu finden sind. Subkultur exploitieren?
Ich war zwar mal in der Nähe derer, die soetwas wie Jugendbewegung
darstellten, aber Mitglied wollte ich nicht sein - oder konnte ich nicht?
Irgendwann habe ich mal im Fernsehen ein Interview mit Pierre Bourdieu
gesehen, der mittels des Modells von ökonomischem und geistigem Kapital
Jean Paul Satre scheitern vorwarf, weil er sich gesellschaftlich falsch
positioniere. Das schien mir sehr einleuchtend und bestärkte mich
den zentralen Ort der Auseinandersetzung in der Wirtschaft zu suchen. Als
meine Freundin ihre Examensarbeit über Las Meninas von Diego Velazquez
schrieb und ich das Gefühl hatte das dort eine zeitgenössische
Kunstauffassung für mich endlich mal deutlich wurde: Der Künstler,
der den Anlass für das Zusammentreffen unterschiedlicher Machtstrukturen
und Verhältnisse, unterschiedlicher Auffassungen und Werte bildet,
wurde mir noch klarer, das ich ins Management muß, wenn ich weiter
arbeiten will. Nicht ins Management gehen, um dort Karriere zu machen,
vielmehr, um zu sehen was dort ist. Um zu sehen ob die Shell-Studie recht
hat, wenn sie die Psychogramme von erfolgreichen Künstlern und erfolgreichen
Managern als fast deckungsgleich bezeichnet.
Eigentlich wollte ich nur ein Praktikum
machen, um dann für einen bestimmten Zeitraum durch die Wirtschaftswelt
zu tingeln und zu schauen, vielleicht sogar um zu forschen, vielleicht
auch um eine Erkenntnis, ein Verhältnis zu dem zu gewinnen womit sich
die Mehrzahl der Menschen beschäftigt. Nach und nach bin ich dann
in kurzer Zeit dorthin gestolpert, wo ein karrierebewußter BWL Student
gerne hin möchte: Nach 12 Monaten bin ich Assistent der Geschäftsleitung
eines Handelskonzern mit nicht eben wenig Umsatz.
"Sie paktieren mit einem Mördersystem..."
warf mir neulich auf einem Vortrag in Berlin jemand aufgeregt an den Kopf.
"Duchamp hat Brancusis verkauft" zuckte es mir durch den Kopf, allerdings
wurde ich dennoch rot, bestätigte, dass ich mich wohl auf dünnem
Eis bewege und zitierte Steve Stevaert (s.o.).
Künstler beteiligen sich an Ausstellungen.
Die Verwandtschaft, Freunde und Bekannte können dies Temporären
Zäsuren der Arbeit besuchen, bestaunen und kritisieren. Die Auseinandersetzung,
die Arbeit ist öffentlich und scheint bis zu einem gewissen gerade
transparent. Vielleicht steckt hierin ein Teil des utopischen der Kunst.
In der Wirtschaft, im gehobenen Management haben nur Personen mit Magnetkarten,
die ihre Identität beweisen Zutritt zu der Darstellung von Zwischenergebnissen.
Das soziale Umfeld bleibt ausgeschlossen. Der Versuch zu einem bestimmten
Zeitpunkt eine Äußerung zu treffen, etwas präzises formulieren
zu wollen ist in der Wirtschaft selten und wird vom Tagesgeschehen hinwegegespült.
Das System mystifiziert sich. Ab einem bestimmten Punkt wird das System
allerdings nur noch durch ein Bild, ein sinnlich erfahrbares Ziel gespeist
und das will auch gezeigt werden. "Ich bin ein sensorischer Mensch, ich
muß das zumindest einmal angefasst haben..." sagte nicht nur einer
meiner Kunstprofessoren, sondern auch ein Manager im Gespräch über
virtuelle Darstellungsmöglichkeiten. Die Bereitschaft sich zu erschöpfen,
die Bereitschaft an Bilder zu glauben und diese Material werden zu lassen
ist sicher etwas, was mich mit meinen "Kollegen" und meinem "Chef" verbindet.
Im dauernden Denken an Bilder rettet man sich vielleicht vor der Frage,
was denn ein Bild überhaupt ist, weil man sich immer nur fragt was
es sein will.
Bildsprache - neulich gab es ein Symposium
in Berlin zum Thema Bildsprachenkompetenz. Viele Menschen - Lehrer und
Pädagogen - debattierten, wie man diese vermitteln könne; wie
man Schüler und Studenten bildsprachenkompetent in die Welt entlassen
kann. Irgendwann kam man dazu zu diskutieren was das denn eigentlich sei
und drehte sich im Kreis: Automatische Zeichnungen, Installation, Fernsehen,
Werbeanzeigen, Ölmalerei, Performance, alles Worte, die das Rechtschreibung-Korrektur-Programm
meines Computers kennt, einzig Bildsprachenkompetenz wird lustig rot unterkringelt
- wenn man es schreibt. Während meines Praktikums bei dem Lebensmittelkonzern
reiste ich eine Zeit lang mit sog. Fleischfachberatern durch die Supermärkte.
Fleischfachberater beraten die Fleischer in den Supermärkten, wie
sie am besten ihre Fleischtheken bestücken, wie sie das Fleisch am
besten veredeln, damit sie es teurer verkaufen können, wie sie mit
der Lagerhaltung umgehen, etc. Zentrale Aufgabe ist die Fleischtheke. Diese
zu gestalten folgt entweder einem strategischen oder einem persönlichem
Konzept und soll den Kunden zum Kauf nötigen. Ein Herr mit dem ich
reiste handelte aus einer persönlichen, um nicht zu sagen inneren
, Notwendigkeit heraus. Neben ihm vor einer Fleischtheke stehend, fühlte
ich mich, wie sich meine Verwandten fühlen, wenn sie mit mir ins Museum
gehen, sich vor irgendetwas hinstellen müssen und ich ihnen versuche
nahe zu bringen, um welch Erlebnis oder Erkenntnis es sich handelt, die
dort vor ihnen hängt. Der Fleischfachberater machte mich auf die unterschiedlichen
Maserungsverläufe der Rumpsteaks aufmerksam, auf das wenig gelungene
Zusammenspiel von Schwein und Pute, von Kotelett und Filet. Er erklärte
mir das dies eine wirklich unmoderne Theke sei, voll mit Stückgut
und ohne trendbewußte Akzentuierungen. Eine Theke die geradezu bockig
das Heute ignoriert und Fleischtheken-sprachlich in die 50er Jahre, Nachkriegszeit,
gehört. Im Auto sprachen wir über die Theke und vor allem darüber,
das dies viel mit Malerei zu tun hätte: "Ne, lass man mein Jung, ich
habe mein Hobby zum Beruf gemacht...Fleischtheken baue ich dir auch nachts,
aber sobald du weg bist machen die doch was sie wollen!" Mit "die" meinte
der Fleischfachberater die Fleischer, die täglich die Theke neu bestücken,
die eigentlichen Besitzer der Theke, die Galeristen sozusagen.
In der Wirtschaft zu sein ist ein
Forschungsprojekt, ist der Versuch ein Verhältnis von innen heraus
zu gewinnen: Die Reichen nehmen heute den Armen die Arbeit weg, weil sie
sich in der Maßlosigkeit verlieren das Bild real werden zu lassen
und sie scheitern an der Realisierung, weil sie keine Zeit mehr haben
in der Hausarbeit, beim Abwaschen und beim Staubsaugen, wirklich komplexe
Probleme kennen zu lernen.
Grundlage der Arbeit in der kapitalistischen
Welt sind die Begriffe Identität, Selbstaubeutung und Qualität.
Jeder strebt danach seine Abläufe - privat oder beruflich - qualitätvoll
zu gestalten, d.h. wenn ich, u, bei dem Beispiel zu bleiben, den Abwasch
mache, dann bemühe ich mich eine optimale Logistik zu entwickeln.
Ich nehme die Verantwortung für den Abwasch an und deshalb löse
ich diese Aufgabe möglichst effektiv. Ich habe den Teller dreckig
gemacht, niemand wird kommen und ihn von allein wieder in den Schrank stellen.
Dies ist meine Aufgabe und da ich erkenne, das es meine Aufgabe ist perfektioniere
ich den Prozess der dafür notwendig ist: Ich organisiere ja selten
den Abwasch nach dem Lustfaktor und wasche erst die Pfannen ab, weil mir
das am meisten Spaß macht, sondern ich wasche erst die Gläser
ab, weil diese am leichtesten kaputt gehen und am schmutzempfindlichsten
sind. Der persönliche Lustgewinn liegt dann nicht mehr in der Tätigkeit
an sich, sondern vielmehr in der Gestaltung des Ablaufes. Es interessiert
mich in der Endkonsquenz nicht mehr das Ergebnis, sondern der idealste
Ablauf um das Ergebnis zu erreichen. Das Problem ist der Begriff "Qualität".
Die Grundlage unserer Gesellschaftsform ist "Qualität", das qualitätvolle
Handeln ist gleichsam Sehnsucht und Verhängnis. In unternehmerischen
Zusammenhängen wird diese Sehnsucht zum zentralen Thema: Sobald ich
eine Möglichkeit finde mich mit einem Problem zu identifizieren, es
zu meinem eigenen zu machen, genau ab diesem Zeitpunkt versuche ich einen
qualitätvollen Prozess zu konstruieren. Die Konstruktion eines solchen
Prozesse produziert Lustgewinn und jede Form des Lustgewinnes in einer
Handlung produziert Tendenzen der Selbstausbeutung. Das ist ein menschliches
Prinzip, das sich bei der künstlerischen Arbeit am deutlichsten manifestiert
hat und nun zur allgemeinen Arbeiststruktur des Kapitalismus geworden ist.
Jeder erfolgreiche Arbeitnehmer nimmt jemand anderem Arbeit weg, weil er
ja immer bemüht ist qualtätvolle Abläufe zu gestalten, die
letzten Endes eben auch weniger Arbeitnehmer brauchen. Sie werden vereinfacht,
sind schneller auszuführen und das Produkt oder Ergebnis wird "qualitätvoller"
trotz oder gerade weil weniger Menschen mitzutun.
Was im privaten noch funktioniert
ist gesamtgesellschaftlich ein Problem, denn es ist offensichtlich
das auf diese Weise immer weniger Menschen Arbeit haben werden. Arbeit
im Sinne von Lohn- und Erwerbstätigkeit. Begrifflichkeiten verschieben
sich. Identität, Qualität und Selbstausbeutung sind zunächsteinmal
private Begriffe, die ersteinmal nichts mit dem Begriffsfeld Arbeit zu
tun haben, die eigentliche Arbeit wird dort vollzogen, wo diese Begriffe
nicht mehr anwendbar sind, bzw. von der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen
werden. Polemisch gesagt: Wir haben zur Zeit 4,5 Millionen Arbeiter und
der Rest hat eine gute Zeit und gefällt sich in der Larmoyanz über
die Belastung zu nölen.
In der Blairistischen Idee der Think
Tanks, der Schaffung von Orten gesellschaftlichen Potentials sind Künstler
die besten und zugleich die hilflosesten Gesprächspartner. In Zeiten
der Nachmoderne hat kaum noch jemand damit gerechnet das Kunst eine gesellschaftliche
Rolle über die des Hofnarrs hinaus erlangt und nun wird man sogar
gefragt. Für mich war und ist die entscheidende Frage, wie man sich
dem gegenüber Verhalten sollen und dabei ist es aus heutiger Sicht
relativ egal ob ich als Künstler oder als Schlachter in die Berufswelt
einsteige entscheidend ist, ob ich etwas tue mit dem ich mein Selbst verbinde:
Identität entwickle und damit letzten Endes Verantwortung übernehmen
muss. Wobei natürlich eine Berufsschicht, die sich im Großteil
doch eher außerhalb der Gesellschaft sieht und mit der Rolle des
mahnenden Warners kokettiert letzten Endes dann doch noch eine besondere
Verantwortung in der Frage, was man denn eigentlich noch machen kann, hat.
Mittlerweile glaube ich wir sollten
uns alle als Arbeitsmarktberater bewerben und von dort aus das Thema an
der Basis thematisieren. Man müsste sich natürlich verpflichten
keine Stellenangebote weiterzuleiten, sondern vielmehr deutlich machen,
das Identität sich nicht in ökonomischen Zusammenhängen
bilden läßt, sondern dort nur Mittel zum Zweck ist. Wobei mir
noch nicht klar ist was der Zweck eigentlich ist und ob das gut oder schlecht
ist. Dies ist beileibe ein Probleme was differenzierter ist als Kategorien
wie Gewinnmaximierung oder soziale Anerkennung es glauben machen. Meine
naive Vorstellung ist, das man dort viel bewegen könne, aber sehr
wahrscheinlich wird man dann, wenn man nicht aufpasst, Leiter eines Arbeitsamtes.