Ute Vorkoeper
Teilnehmer: Ute Vorkoeper, Hannes
Kater, Hinrich Schmieta, Armin Chodzinski.1997.
KATER: Wie verstehst Du Deine Rolle als Kuratorin? Welche Hoffnungen und Erwartungen verbindest Du mit dem Ausstellen?VORKOEPER: Am Anfang hatte ich mehr die Vorstellung von Kunst im öffentlichen Raum. Was nicht meint nur in den Straßen, sondern es sollte quer durch die Medien ohne einen festen Ort verlaufen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit der ganzen Sache, bin ich irgendwann zu dem Punkt gekommen, doch eine Ausstellung zu machen. Also wirklich Ausstellung in Kunstinstitutionen und dieser Weg dahin, der war vielleicht das Wichtigste, bis hin zu der Formulierung dieser Konzeption, die ich eigentlich relativ alleine gemacht habe.
Chodzinski: Kannst Du das Konzept etwas näher erläutern?
VORKOEPER: Dazu muß ich ein bißchen weiter ausholen. 1985 fand die Friedensbienale von Robert Filliou in Hamburg statt. Damals unter diesem utopischen Leitbild, Künstler aufzufordern, den Begriff ÑFriedenì positiv zu bebildern, darstellbar und denkbar zu machen. Das Ziel war auf dieser Grundlage ein internationales Netzwerk zu bilden. 1994 entstand dann die Idee einer neuen Friedensbienale, was ich für merkwürdig anachronistisch hielt. Das Feld Unfrieden und politisches Engagement schien mir in der heutigen Zeit spannender. Hieraus entwickeltete sich die Grundfrage der Ausstellung: Gibt es innerhalb zunehmend unfriedlicher Tendenzen, innerhalb von Realitäten, die eine Wahrheit oder eine Utopie kaum noch zulassen, die Möglichkeit künstlerischer Auseinandersetzung, die sich im weitesten Sinn als politisch verstehen läßt?
Kater: Hat dieser politische Ansatz Folgen für Dein kuratorisches Vorgehen gehabt?
VORKOEPER Es sollte ersteinmal kein kuratorisches Modell sein, sondern man guckt erstmal was kommt und prüft, ob es ein Interesse gibt und wählt dann im Hinblick auf eine Ausstellung aus. Inwiefern fügen sich da Bilder, verschiedene Sichtweisen von Künstlern zu einem Gesamtpacours zusammen. Was kann dieser Kunstraum überhaupt anderes sein, als ein Möglichkeitsraum? Möglichkeitsraum in einem ganz positiven Sinne, in dem Dinge, die eigentlich außerhalb dieser Institution undenkbar oder unsichtbar bleiben würden, sichtbar werden. Wenn ich aber wieder in den traditionellen Ausstellungsraum gehe, dann nutze ich ihn in seinen Potenzen innerhalb einer veränderten Vorstellung. Es sollte nicht nur ein Reflektionsort sein, sondern auch ein Raum in dem ganz suggestive Dinge passieren. In denen auch Künstler ihre Sachen präsentieren können, die vordergründig ersteinmal nicht nur ein reflexives Werk, das auf kognitive Prozesse anspricht, zeigen, sondern Sachen in denen ganz klar das Bild im Vordergrund steht und erst dann die Reflexion. Diese Mischform zwischen Reflexion und Suggestion war mir ganz wichtig.
KATER: Als ein Phänomen, welches man erfahren kann ?
VORKOEPER: Nicht als Phänomen, sondern als eine Fähigkeit, die in Kunst angelegt ist, nämlich durch Bilder jemanden gefangen zu nehmen, suggestiv zu wirken, schön, häßlich oder sonst etwas zu sein. Es ist eine ganz traditionelle Funktion von Kunst. Ich habe meine Probleme damit, den Kunstort als reinen Reflexionsort zu sehen, der auf jegliche ästhetische Überzeugung verzichtet. Es gibt andere Ausstellungen, die ich für interessant halte, die andere Konzepte ausprobieren. Dort wird vielleicht ein aufgeblättertes Buch zur Gentechnologie ausgestellt, das ich aber viel lieber als Buch lesen würde. Ich sehe mir eben lieber eine Reportage von Gero von Böhm im Fernsehen an, als daß ich sie als Teil eines Archivs zur Gentechnologie in der Ausstellung "GameGirl" im Kunstverein München nicht angucke. Was ich an diesen Ausstellungen immer kritisiere, ist daß sie so einen extremen Insider-Zyklus bilden, reduziert auf wenige kritische Künstler.
In unserer Ausschreibung sollte es keine Beschränkung auf irgendein Medium geben. Es war von Anfang an unser Ziel alle künstlerischen Medien zusammenzubringen. Wir haben es geschafft von der klassischen Skulptur bis fast zur Malerei, bis zum Internet, die unterschiedlichen Ausdrucksmedien sich gegenüberzustellen,SCHMIETA: Als ich die Ausstellung gesehen habe, war es so, daß ich mich bei den vertrauten Medien, wie Zeichnung auf dem Boden, Holzauto mit schneidenden Lamellen, Ornamente an der Wand, sicher gefühlt habe. Dort kannte ich die Parameter, wie das einzuschätzen war. Jetzt merke ich aber, daß ich immer noch in der Rezeption bin, daß ich einige Arbeiten in ihrer ästhetischen Präsens wohl wahrgenommen habe, aber das ist eben nicht die eigentliche Präsenz gewesen. Also ähnlich Deiner Kritik an "GameGirl", ist es mir in Teilen Deiner Ausstellung gegangen. Sinnlich unzugänglich, und das, was ich dort sinnlich als traditionelle Skulptur Wahrgenommen habe, interessierte mich nicht.
VORKOEPER: Es ist unfraglich so, daß ich bestimmte Vorlieben für bestimmte Medien habe und ich wäre nie auf die Idee gekommen eine Holzskulptur auszustellen, wenn wir kein vollständiges Spektrum hätten zeigen wollen. Wenn ich zum Beispiel eine interaktive computergesteuerte Installation habe, die sehr eindeutig ist und diese im Bezug zu der Arbeit Yanagis (24 Stunden lang folgt der Künstler einer Ameise, die in ein durch Stahlwinkel abgegrenztes Feld gesetzt wird. Mit roter Kreide zeichnet er ihren Weg auf dem Boden nach.) setze. Es sind zwei ganz unterschiedliche Modelle mit Grenzverletzungen umzugehen, auf der einen Seite westlicher, amerikanische Umgang mit dem Thema gegenüber einer asiatischen Umgangsweise. Die selbstschlüssige Arbeit von Lynn Hershman (Die durch Betätigung des Abzuges eines Kameragewehrs ausgelöste Interaktion rückt den Betrachter selbst ins innere der Zielscheibe, indem er dort sichtbar wird - umgeben und überblendet von Kampfbildern), gegenüber jemandem der ganz kontemplativ Grenzen aufzeigt und dies zusammenzustellen, darum ging es.
KATER: Gibt es da die Idee, daß durch die Zusammenstellung beide Arbeiten gewinnen ?
VORKOEPER: Ja, so sollten die ganzen Sachen gegeneinander und miteinander spielen.
KATER: Habt Ihr das nachher aufgebaut, in diesem Sinne kuratiert ?
VORKOEPER: Der ganze Raum existierte ja nicht, die ganze Architektur haben wir selber gemacht und diese Architekturfindung war schon mit das Spannendste an der ganzen Sache. Du mußt die Hallen so strukturieren, daß sie Platz für die einzelnen Arbeiten hergeben, aber auch gleichzeitig Felder erschließen, die zusammen gehören und das alles noch mit wenigen Mitteln.
CHODZINSKI: Wie würdest Du Deine Aufgabe und Deine Rolle in dieser Ausstellung beschreiben ?
VORKOEPER: Meine Aufgabe ist es gewesen, eine Frage aufzustellen und dann mit dem, was kommt, etwas zu formen, sie auf diese Weise ins Spiel bringt, sie streut und in Kontakt zu verschiedenen Künstlern tritt.
KATER: Wenn man das was da kommt Antworten nennt ?
VORKOEPER: Ja, oder Angebot...
KATER: ...die letztendliche Aussage, wird dann ja durch Zusammenstellung und Auswahl der Angebote getroffen...
VORKOEPER: ...ja sicherlich.
KATER: ....die Verantwortung dafür liegt dann auch auf Deiner Seite ?
VORKOEPER: ..ja,...
Chodzinski: Habt Ihr allein aus den Arbeiten die Ausstellung gemacht oder waren die Künstler dabei auch beteiligt?
Vorkoeper: Doch, die waren fast alle da! Und eine große Zahl der Arbeiten ist auch nur für diese Ausstellung entstanden. Die Künstler haben ihre Arbeiten selber präsentiert. Bis auf diejenigen, deren Konzepte wir nur vorgestellt haben, von denen waren nur fünf oder sechs da.
Zusätzlich haben wir das gesamte Archiv gezeigt, die Auswahl ist zwar von uns getroffen worden, aber wir wollten zeigen, daß aus dem Ganzen auch eine ganz andere Ausstellung zu formen möglich gewesen wäre. Viele Leute haben auch mit großem Interesse die Konzepte durchgesehen und für sich noch erstaunliche Dinge entdeckt.
Kater: Mich interessiert aus der eigenen Erfahrung mit den "Kleinen Universen" heraus zum Stichwort Macht und Verantwortung, wie man Entscheidungen trifft. Also, ob für sich selber oder für ein Publikum?Vorkoeper: Es gibt aus meiner Sicht Mehrerlei. Du kannst Dich ja nicht trennen von Deiner Sicht auf Wirklichkeit. Deine Entscheidungen hängen davon ab, was Du selber für interessant, wichtig und spannend hältst. Ausstellung machen heißt, davon auszugehen, daß das, was Du für interessant hältst, auch für andere interessant sein kann.(Wir) Natürlich haben wir ans Publikum gedacht, als wir versucht haben die Ausstellung in eine Abfolge zu bringen und Korrelationen zwischen den einzelnen Arbeiten sichtbar zu machen. Außerdem wollten wir Künstler vorstellen, die man überhaupt noch nicht kennt. Wir kannten die meisten Künstler vorher selber nicht.
Kater: Wenn Du von Publikum sprichst, wie würdest Du Deine liebsten Betrachter beschreiben? Sind das Hunderttausende, Tausende oder Hundert oder zehn Menschen?
Vorkoeper: Am liebsten quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Kater: Glaubst Du, daß denen das was bringt?
Vorkoeper: Puh, ich habe zumindest ganz merkwürdige Reaktionen gekriegt von Leuten, die sonst nichts mit aktueller Kunst zu tun haben, bei denen diese Ausstellung ganz viel ausgelöst hat und die mit unglaublicher Begeisterung zwei bis dreimal wiedergekommen sind. Das sind so die kleinen Erfolge. Das hat am meisten Spaß gemacht, daß Leute, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben, so begeistert waren.
Schmieta: Immer vermittelt über Führungen durch die Ausstellung?
Vorkoeper: Nicht nur, mich hat zum Beispiel eine Frau angesprochen, die gar nicht geführt worden war und das drittenmal da war und wo im Gespräch dann auch was zurückkommt.(Wir)
Kater: Was kommt zurück?
Vorkoeper: Das sind diese Momente gewesen, viel stärker als wenn wieder jemand aus dem Kunstbetrieb etwas gesagt hat. Schön war auch, daß ein Großteil unserer Künstler sehr zufrieden war. Das ist jetzt die zweite Ebene. Die haben gesagt: "Ich verstehen jetzt auf einmal, warum das so zusammengestellt wurde(Wulffen)" Auch auf den Katalog haben wir eine ganze Reihe von unglaublich positiven Reaktionen von den teilnehmenden Künstlern bekommen.
Kater: Ihr hattet nicht das Gefühl im luftleeren Raum zu agieren und eigentlich keine Reaktion zu bekommen?
Vorkoeper: Hinterher weiß man immer, wie vieles besser zu machen ist. Es gibt ja auch andere Ausstellungsformen, das ist ja das Wunderbare. Wir hatten eine ganze Reihe von Rückkopplungen.
Kater: Ist das wichtig? Es gibt ja auch Arbeitsweisen, die sagen interessiert mich nicht, wie das wahrgenommen wird.(WulfBrancusi)
Vorkoeper: Ich halte es für wichtig einen Blick auf die Wirkung zu haben und darauf zu achten, daß die Frage, die man gestellt hat, auch weitergetragen wird. Ich fände es hochmütig, eine Realisation meiner eigenen Vorstellungen zu betreiben. ohne daß mir in irgendeiner Form daran gelegen wäre, was damit passiert.
Kater: Begreifst Du diese Art zu arbeiten als politisches Handeln?
Vorkoeper: Ausstellungen so durchzuziehen? Ja, das ist eine Form politischen Handelns. Es ist eine öffentliche Handlung und damit auch eine gesellschaftliche.
Kater: Möchtest Du Einfluß nehmen?
Vorkoeper: Das ist weit gefragt.
Kater: Ich bin einfach neugierig.
Schmieta: Ist das nicht eine basisdemokratische Haltung: Wir geben ein Statement, dann warten wir das Echo erst einmal ab und dann machen wir damit weiter?
Vorkeoper: Das ist nicht wirklich basisdemokratisch.Schmieta: Gut, aber es ist diese Rückkopplung gegen eine größere Menge an Leuten, wie bei Politikern, die nur handeln, wenn ein Interesse da ist und sonst nicht.
Vorkoeper: Wenn nichts zurückgekommen wäre, dann hätten wir leere Hallen ausstellen müssen. Zwischendurch waren wir an diesem Punkt, wo wir zwar kuratorisch eine Ausstellung hätten zusammenstellen können, aber wenn da nichts gekommen wäre, hätten wir knallhart leere Hallen zeigen müssen.Wenn man eine Frage stellt und es kommt keine Antwort, dann muß die Ausstellung eben ausfallen.
Kater: Nichts ausstellen heißt, leere Räume zeigen?
Vorkoeper: Das hätte ich nicht geschafft, das hätte eine Rieseneklat gegeben.
Kater: Ich möchte nochmal auf die Formulierung der Ausschreibung zu sprechen kommen. Das ganze hat ja eine Ästhetik, also wie man das verteilt, wie man das Ganze gestaltet. Eine Ausschreibung kann auch in den Orkus gehen und man bekommt nur fünf Rückantworten oder sie kann ernst genommen werden. Wie habt ihr da gearbeitet?
Inwieweit war das dann von Euch auch wirklich ein Kampf, daß das weltweit verteilt wird?Vorkoeper: Ja auch übers Internet, aber auch tatsächlich verschickte Folder, also einen gedruckten Aufruf in 10000 Auflage, davon haben wir 9000 weltweit an Institutionen und an einzelne Künstler verschickt. Der Rest wurde ausgelegt. Wir haben auch noch eine Webside, die aufgerufen werden kann (http://www.icf.de.discord). Wir waren dann sogar froh, daß zum Beispiel das Kunstforum unseren Aufruf nicht auch noch gedruckt hat, denn ich weiß, daß wir dann wahrscheinlich Tausende von Antworten gekriegt hätten.
Kater: Wann war die Zeit, daß Du nicht mehr nervös warst, daß zu wenig kommt.
Vorkoeper: Im ersten Monat waren schon gleich 50 Antworten da und wir haben immer mit so etwa 200 gerechnet.
Kater: Inwieweit glaubst Du hat Hamburg als Stadt und der Kunstverein als Ort die Zahl der Rückmeldungen beeinflußt?
Vorkoeper: Sicher gab es da einen Einfluß, aber für viele der ausländischen Künstler, war das einfach ein jwd-Ort. Kunstverein mag noch wichtig gewesen sein.
Kater: Wie war das Verhältnis von Einsendungen aus dem Ausland und aus dem Inland?
Vorkoeper: Wir haben aus dreißig Ländern Einsendungen bekommen, es nahm natürlich immer mehr ab. In Hamburg war die Presse am intensivsten, dann gab es einen Schwerpunkt in Berlin, weil der Aufruf dort in der Zitty erscheinen war. Wir hatten vielleicht 250 Einsendungen aus Deutschland, viele aus den Nachbarländern, auch aus dem Osten. Die große Resonanz hat mich schon sehr gefreut, zumal Ausschreibungen sonst oft für Preise oder Stipendien lauten, aber hier gab es ja nichts zu gewinnen, hier gab es ja nur die Ausstellung selbst und eventuell eine Unkostenerstattung, mehr nicht.
Kater: Würdest Du wieder eine Ausstellung machen, die nach diesem Modell funktioniert mit diesen vielen Unwägbarkeiten?
Vorkoeper: Zuerst habe ich gedacht, daß machst Du nie wieder, jedenfalls nie wieder mit Ausschreibung. Dann lieber auf der sicheren Seite mit Kuratorenmodell bleiben oder nur Leute auffordern, die man kennt. Und wir arbeiten dann gemeinsam zu dem und dem Themenfeld und daraus entstehen dann Realisationen für eine bestimmte Situation oder einen Ort. Ich finde es weiterhin interessant, Fragestellungen zu geben, aber das muß nicht zwingend international passieren, weil das ein unglaublicher Aufwand ist. Trotzdem würde ich ein positives Resümee unsere Ausstellung ziehen, weil einige interessante Positionen präsent waren.
Kater: Wenn man mit fünf Leuten gemeinsam auf ein Thema hin arbeitet, müssen dann die Ergebnisse ausgestellt werden?
Vorkoeper: Klares Ja. Also Gesprächszirkel sind zwar wichtig, aber bei künstlerischer Arbeit, die nicht ausgestellt werden will, halte ich das Ziel für verfehlt. Das ist wieder dieser gesellschaftliche oder politische Aspekt von Kunst, den ich wesentlich finde in diesem Betrieb.