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Gastbeitrag für die Zeitschrift Bone Response

What the fuck means fast - it`s my homebase
von armin chodzinski. okt 2001

Wen interessiert eigentlich wirklich die Geschwindigkeit mit der sich die Autoschlange durch die Stadt bewegt. Dem klimatisierten Stillstand der Hauptverkehrszeit die scheinbare Mobilität des Fahrrades gegenüber zu stellen, als wäre das Eine besser als das Andere ist nicht so einfach wie es scheint.
Geht man davon aus, dass fast jedes Auto mit einem Radio, Kassetten und oder CD-Teil, Teppichen, Getränken, Keksen und Kühlschränken ausgestattet ist, so ist der Stau die Möglichkeit zu hören, wahrzunehmen und zu leben. Ein Auto ist heute weder nur Fortbewegungsmittel, noch nur Statussymbol, es ist zu aller erst Lebensraum: Wohnzimmer, Kinderzimmer, Arbeitszimmer und Küche in einem.
Fest geparkt an einem Ort gibt es aus diesem Lebensraum hier entrinnen man muss und man will sitzen bleiben und hören und wahrnehmen und sich transformieren. Der Transformationsprozess vom privaten in den beruflichen Alltag, von der Erwerbstätigkeit zur Freizeit, vom Anzug zum Jogging Anzug, von der Hierarchie zur Hierarchie findet in diesen Stunden Stadt, die im Auto an Ampeln gesessen wird.
Analog zum Beamen auf der Enterprise ist die Autofahrt der Zustand der De-Materialisierung. Eins mit der Maschine ist man Maschine und steigt in einen Transformator, verliert kurzzeitig seine Körperlichkeit und entsteigt in eine anderen Realität. Die Zeit zwischen ein und aussteigen ist Ruhe, ist Entkörperlichung, das Gebet woanders anzukommen. In der stets geforderten Beschleunigung - nennt man das nun Turbo-Kapitalismus, Neo-Liberalismus oder wie auch immer - wird das Auto zum Ort der Ruhe, des Stillstands, der Konzentration. Vielleicht einer der letzten Schutzräume des unvollkommenen scheiternden Erwerbstätigen mitte fünfzig.
Das innerhalb des Transformationsprozesses von einem Ort zum anderen, von einer beschissenen Realität zur Anderen beschissenen Realität, auch aggressionen abgebaut werden müssen versteht sich von selbst.  Transformation ist  immer auch die Reinigung des selbst zur Vorbereitung auf etwas anderes und Aggression gehört dazu. Wenn jemand aus seinem Erwerbstätigen Alltag hinaus in seinen Transformator (Auto) steigt, dann wird er auf eine Weise gebremst und abgekühlt, die nicht immer funktioniert. Ein schnell drehender Kreisel trifft auf eine sich langsam drehende Fläche - was passiert? Ein kurzer Moment der noch größeren Beschleunigung. Beim Menschen wird das leicht zur Aggression, die sich durchaus an den Erzengeln der Neuen Ökonomie entladen kann. Wer sind die Erzengel? Die Neue Ökonomie ist: flexibel (auch flexible Arbeitszeiten), schnell (sowohl im denken, als auch in Form von Bewegung), frei, geschickt, fit, trainiert, unkonventionell, selbstständig, unterbezahlt, unabhängig, abenteuerlustig, effizient, cool. Man stelle sich vor man sitz im Transformator und versucht und größter Anstrengung die Werte, die Muster, die Unterdrückung der Erwerbsarbeit langsam zurückzudrängen um wieder eine Person zu werden und andere Unterdrückungen, Werte und Hierarchien aufzubauen. Man versucht sich der Ideologie der Geschwindigkeit und der Problemfreiheit zu entziehen, und sieht durch die Windschutzscheibe hindurch lauter flexible Erzengel mit großen Taschen anstatt Flügeln und zwei Rädern anstelle von Beinen, die von der Verheißung der Geschwindigkeit künden. Posaunen: Unabhängigkeit, Flexibilität und den Verzicht auf ein soziales Sicherungssystem.
Wer würde hier nicht bremsend auftreten wollen?
Mobilität ist ein soziales Problem.  Ökologisch betrachtet ist eine Stadt mit Autoverkehr eine Katastrophe, ineffizient und all das. Auch ökonomisch betrachtet macht innerstädtischer Autoverkehr keinen Sinn. Fahrräder sind günstiger, auch über längere Strecken schneller, flexibler, sympathischer, schöner, und so weiter. Stundenlang kann man die Lobpreisung weiter fortschreiben aber letzten Endes bleibt Mobilität ein soziales, ein politisches Problem. Vielleicht ist Verlangsamung eine Möglichkeit - den Transformationsprozess verlängern, stehen bleiben anstelle von überholen, schieben anstelle von Fahren, liegen anstelle von gehen.
Mitleid und Gnade für die Transformatoren.